Anna-Lena Schrader erklärt die Energie des Durchhaltens

Anna-Lena Schrader ist Soziales Talent 2019 der Sportregion Hannover. Weil angesichts der momentanen Situation allerdings momentan fast alle ihre Ämter ruhen, will sie sich sozial engagieren und beispielsweise für Ältere das Einkaufen übernehmen. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ihr Titel "Soziales Talent des Sports" honoriert Arbeit für den Sportlernachwuchs

LEHRTE (sv). Ihre Tage sind mit beruflicher und ehrenamtlicher Arbeit gut gefüllt, und selbst abends im Bett notiert sie noch Ideen und schmiedet Pläne: Für ihr intensives Engagement in der TSG Germania Arpke wurde Anna-Lena Schrader jetzt zum Sozialen Talent gekürt. Nicht eine Jury beurteilte die Teilnehmer, sondern die Öffentlichkeit votierte via Internet. Von den insgesamt zwölf Teilnehmern aus zehn Sportvereinen in der Region Hannover erhielt Anna-Lena Schrader die meisten Stimmen und ist damit Soziales Talent 2019 der Sportregion Hannover. Platz zwei belegt ihr Spartenkollege, der Schwimmtrainer Leon Salomon vom TSV Rethen, Platz drei ging an den Handballtrainer Siavash Bohloli vom TuS Wettbergen.
Vielleicht ist das „Bad“ im Namen ihres Geburtsorts Bad Segeberg schon eine Art Omen gewesen. Aufgewachsen ist Anna-Lena Schrader in Sievershausen. Mit dem nassen Element hatte sie da aber zunächst wenig im Sinn. „Als Kind habe ich Wasser gehasst!“ Beim Schwimmunterricht hätte es immer Tränen gegeben, habe ihre Mutter ihr erzählt. Mit elf Jahren habe es aber bei ihr Klick gemacht, sagt die heute 21-Jährige. Zusammen mit Freundinnen habe sie sich in dem schönen Arpker Waldbad für das Schwimmen begeistert und sei auch gleich dem TSV Germania Arpke beigetreten.
Das war gleichzeitig das Ende gmütlicher häuslicher Familienwochenenden. Denn Sportwettkämpfe finden am Wochenende statt, und das hieß auch für Anna-Lenas Eltern: Runter vom Sofa, rein in die Schwimmhalle. Also auch am Wochenende zwischen 5 und 6 Uhr aufstehen, spätestens um 7 Uhr Start zum Wettkampf, gegen 18 Uhr dann wieder zu Hause. Ihre Mutter Angelika absolvierte eine Kampfrichter-Ausbildung und war auch in dieser Funktion viel unterwegs. Meist spielten sich die Wettbewerbe im Leistungsschwimmen auf Bezirksebene ab, bisweilen bis auf Regionalebene. Peine, Braunschweig, Hildesheim, Laatzen, Hannover – wo immer die Wettkämpfe stattfanden, Schraders waren da.
Und heute, mit 22 Jahren, ist Anna-Lena da. Allerdings weniger im, sondern am Wasser. Als sie 16 Jahre alt war, signalisierte der Trainer, dass er bei der Bewältigung des Trainingsbetriebs gut Unterstützung gebrauchen könnte. So wurde Anna-Lena Trainerassistentin und befindet sich aktuell selbst in der Trainer-Ausbildung. Drei Gruppen zu je etwa 15 bis 20 Schwimmern in verschiedenen Alters- und Leistungsstufen zwischen acht und 26 Jahren trainiert sie derzeit an jedem Montag, Dienstag und Donnerstag. Selbstverständlich werden die Gruppen am Wochenende auch zu den Wettkämpfen begleitet, aber das funktioniere im Trainerteam auch gut reihum. Im Winter wird in Lehrte im Hallenbad trainiert, in der Sommersaison im Waldbad in Arpke.
Wenn auch im Schwimmsport die Ansprüche an Ausbilder größer geworden sind, über Disziplinprobleme bei ihren jungen Schwimmsportlern kann sich Anna-Lena Schrader nicht beklagen. „Sie wollen ja selber gerne etwas erreichen“, sagt sie. Es mache ihr viel Freude, jemandem etwas beizubringen, zu motivieren und gleichzeitig auch die Persönlichkeit zu stärken. So ganz nebenbei werden auch soziale Kompetenzen erworben wie beispielsweise eine Begrüßung aller Anwesenden, zuhören, wenn jemand etwas erzählt, warten, bis man selber an der Reihe ist oder sich beim Trainer abmelden. Es seien grundlegende Dinge im menschlichen Miteinanders, die manchmal fehlen. „Aber wir haben hier feste Regeln, die Kinder wissen das und wir leben das auch, und Neue stellen fest: Aha, so läuft das hier“, erklärt sie.
Bei ihr fließen keine Tränen, wenn sie zögerlichere Kinder mit kleinen Spielen behutsam an das Wasser und die Schwimmbad-Welt gewöhnt. Wenn die Sportbegeisterung einer Gruppe oder Einzelner mal einen Einbruch hat, bietet sie Alternativen an, bis der Spaß am Sport wieder da ist. Dass ihre Sporteleven sich beim Training wohlfühlen und, dass sie offensichtlich auch ein gutes Gespür dafür hat, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, gibt ihr wiederum Energie zum Durchhalten. Denn als Erzieherin in Vollzeit im Aligser Kindergarten ist sie ebenfalls mental und körperlich gut gefordert. „Ich gehe immer mit einem Lächeln zur Arbeit. Das ist meine Berufung, das habe ich mir ausgesucht und tue es von Herzen gern!“
Ihr ehrenamtliches Engagement erstreckt sich auch auf ihre Kirchengemeinde in Arpke. Obwohl sie mit ihrem Freund zusammen seit einem Jahr in Lehrte wohnt, gestaltet sie in Arpke Kindergottesdienste und Bibelwochen, betreut die Konfis auf Segelfreizeiten und organisiert das Krippenspiel zu Weihnachten mit. Außerdem ist sie eine der Vereinsvertreterinnen in der Arbeitsgruppe zur Planung des neuen Lehrter Schwimmbads. Klar, dass so jemandes Freund kein Couch-Potato sein kann. Er spielt Handball und engagiert sich ebenfalls als Trainer. „Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder die Interessen und sportlichen Belange des anderen respektiert“, erklärt sie und verrät, wenn sie wochenends nicht beim Schwimmettkampf am Becken steht, dann am Spielfeldrand beim Handball. Ansonsten gehöre das Wochenende der Familie.
Für ihr vielfältiges Engagement hat Anna-Lena Schrader ein lokal prominentes Vorbild: Ihre Großmutter Margaretha Ehlvers, Lehrerin und Schulleiterin im Ruhestand, betreut als „Kräuterhexe“ den Heilpflanzengarten am Lehrter Klinikum, ist in die Organisation der verschiedenen Aktionen der Bibliotheksgesellschaft eingebunden und bringt sich in vielerlei weiteren Verbänden und Aktionen ein.
Unter den zwölf Kandidaten aus der Region Hannover für das Soziale Talent kommen zwei weitere aus Lehrte. Fußballtrainer Max Wietig vom SV 06 Lehrte hat es auf den vierten Platz geschafft, gefolgt von Sarah Czernek an fünfter Stelle, die sich unter anderem für Basketball einsetzt. Anna-Lena Schrader wertet die Auszeichnung als Anerkennung für ihre Arbeit. „Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich es als Mitglied eines so kleinen Vereins gegen die anderen Bewerber geschafft habe!“
Nach eigenen Worten hat sie sich dem lebenslangen Lernen verschrieben. „Um nicht zu verblöden“, sagt sie lächelnd. Neben der Gründung einer eigenen Familie plant sie auch ein Studium. Wie sie ihr jetziges Pensum schafft? „Ich haben keinen Fernseher, bin aber trotzdem umfassend informiert.“
Die Corona-Krise trifft einen Nerv der aktiven junge Frau. Zwar sei sie noch im Kindergarten beschäftigt, aber der Schwimmbetrieb ist eingestellt, die Kinder bleiben zu Hause. „Ich gehe sozial so ein bisschen ein. Das ist für mich der blanke Horror!“ Allerdings wäre sie nicht sie selbst, wenn sie sich nicht anderweitig engagieren würde. Jetzt will sie sich bei der Stadt für freiwillige soziale Dienste registrieren lassen.