40 Jahre „Anstiftung zum Frieden“

Mit Dankesworten an die Unterstützer und einem Segen lud Gisela Fähndrich, Ex Superintendentin und Präsidentin des Antikriegshauses zum abschließenden gemeinsamen Essen und zu Livemusik vom Matthias Witzig Ensemble ein. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Auch in der Tierwelt gibt es mal Konflikte: Der Kinderfriedenschor unter Leitung von Hanna Dallmeyer sang das Lied vom Kuckuck und vom Esel, bei dem auch alle Gäste mitsingen konnten. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Zwischen den Podiumsdiskussionen spielte ein Jazz-Duo bekannte Melodien zur Unterhaltung. (Foto: Susanna Veenhuis)

Erinnerungen und Musik zum Antikriegshaus-Geburtstag

SIEVERSHAUSEN (sv). Der Boden am Antikriegshaus ist mit Blut getränkt: Wo vor 466 Jahren mit 30.000 Soldaten und 4.000 Toten eine der blutigsten Auseinandersetzungen im heutigen Niedersachsen stattfand – die Schlacht bei Sievershausen im Jahr 1553 – wird seit den 1960er-Jahren intensiv für den Frieden gearbeitet. Durch Initiative aus der Friedensbewegung und allen voran des unermüdlichen Wirkens von Pastor Klaus Rauterberg entstanden am Rand des damaligen Schlachtfelds direkt neben der Sankt Martinskirche im Jahr 1966 die Antikriegswerkstatt und im Jahr 1979 schließlich das Antikriegshaus, das jetzt seinen 40. Geburtstag feierte.
Mit einem Gottesdienst und der Predigt von Landessuperintendentin Petra Bahr zum Thema Versöhnung hatte das Friedensfest zum Hausgeburtstag seinen Anfang genommen. Für musikalische Auflockerung sorgte zwischen den Diskussionen ein Jazz-Duo. Mit poetischen, einfühlsamen Songs vom Matthias Witzig Ensemble ließen die Feiernden den Festtag ausklingen.
Das Antikriegshaus war ursprünglich ein nicht mehr bewohntes Fachwerkhaus auf dem Winkelmannhof in Ambostel, das als Schenkung eines Privatmanns an seinem alten Standort im Ort abgebrochen und in zweijähriger Arbeit mit viel Beteiligung Ehrenamtlicher zwischen Kirche und Antikriegswerkstatt modernisiert wieder aufgebaut wurde. Für den Bau gab es zwei Anlässe. Zum einen den gewaltsamen Tod von Susanne Zahn und Christoph Gaede. Sie kamen am 26. April 1978 bei einem Bombenanschlag in Nablus ums Leben. Beide waren im Rahmen von “Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste” im Einsatz und waren auf ihren Dienst in der Antikriegswerkstatt in Sievershausen vorbereitet worden. Zum anderen war eine Rede am Moritzdenkmal zur Schlacht von Sievershausen Auslöser für den tief betroffenen Kirchenvorstand: „Seit Kain und Abel hat es Streit und Krieg gegeben, Frieden finden wir erst auf dem Friedhof“, hieß es da.
Die „Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und Friedensarbeit“, wie der gleichnamige Verein sich und das Haus damals offiziell benannte, war nicht jedem im Dorf und auch nicht unbedingt in Kirchenkreisen willkommen. Die Umtriebe und unkonventionellen Aktivitäten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, des Attentats auf Martin Luther King, die zahlreichen Friedensaktionen, Demonstrationen und Kriegsproteste und wohl auch die Menschen von außerhalb waren eigen ein Dorn im Auge.
Mittlerweile genießt das Haus, in das der Verein unter Berndt Waltje als derzeitigem Vorsitzendem regelmäßig zu Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen, Theater, Kleinkunst, Musikveranstaltungen und Lesungen zum Thema Frieden in all seinen Facetten und Zusammenhängen einlädt, nicht nur hohe Akzeptanz als Friedenszentrum, sondern gilt als eine Art Leuchtturm für die Friedensarbeit. Schon seit 1967 lernen sich junge Menschen aus anderen Ländern beim gemeinsamen Arbeiten und Leben in den jährlichen internationalen Work Camps kennen und verständigen. Seit fünf Jahren ist die Martinskirchen-Gemeinde zusammen mit dem Antikriegshaus Nagelkreuz-Gemeinde und gehört damit zu dem weltweit 160 Orte zählenden Verbund. Im selben Jahr wurde die kirchliche Stiftung „Frieden ist ein Menschenrecht“ gegründet. Zudem hat die Evangelische Landeskirche dem Antikriegshaus auch den Titel „Friedensort“ zuerkannt, um die politische, kulturelle und pädagogische Arbeit zu fördern.
Auch die „Sievershäuser Ermutigung“ feiert mit 20-jährigem Bestehen in diesem Jahr ein Jubiläum, der mit 5.000 Euro dotierte Friedenspreis, den der Verein alle zwei Jahre an Einzelpersonen und Institutionen für beispielhafte Friedens- und Menschenrechtsarbeit vergibt.
Wo sich so viele Jahre lang so viele Leute mit Engagement und Enthusiasmus für den Frieden einsetzen, kommt bei einer 40-Jahr-Feier auch einiges an Lebensjahren zusammen. Auch viele graue und weiße Häupter fanden sich ein im Erzähl-Café, das schier unendliche Erinnerungen an die unterschiedlichsten und auch sehr unkonventionellen Aktivitäten im Namen des Friedens freisetzte. Pastor Rauterbergs Sohn Thomas projizierte dazu Fotos auf Leinwand, die auch manche Anekdote zutage förderten. So habe beispielsweise der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder, damals noch Juso-Vorsitzender, beim Dachdecken des Antikriegshauses mit Hand angelegt und dies auch selbst marketingträchtig kommentiert. „Mein Vater war ganz schön genervt von dessen Verhalten“, schmunzelte Rauterberg.
„Klaus Rauterberg hat mir damals im Konfirmandenunterricht die Augen geöffnet“, sagt Esther Binder, eine der Gratulantinnen und Mitstreiterinnen. Auch für Jutta Mildner war die Begegnung mit dem friedensbewegten Pastor und der Arbeit der Antikriegswerkstatt lebensprägend, sie hat als ABM-Kraft dort erste berufliche Erfahrungen gesammelt. „Das war wie ein Durchlauerhitzer für mich!“ Noch heute hält sie Kontakt mit Menschen aus aller Welt, die sie 1987 bis 1992 in Sievershausen als Friedensstifter kennen gelernt hat.
Die Nachrichten sind nicht gut – wie beispielsweise der aktuelle Brief einer Singhalesin, Mathilda, aus Sri Lanka. Die ehemalige Lehrerin war vor Jahrzehnten bei einem Work Camp zu Gast im Antikriegshaus und schreibt, dass nach zehnjährigem Frieden in ihrem Land „jetzt alles wieder ganz furchtbar ist“. Bewaffnete IS-Kämpfer kontrollieren die Straßen, die Schule sei seit einer Woche geschlossen und es seien massenhaft Drogen im Umlauf, alle Menschen lebten in Angst.
Um so wichtiger sei es, angesichts weltweit zunehmender Konflikte, Kriegstreiberei, Nationalismus und Populismus, Militarisierung und Entdemokratisierung die Friedensarbeit auf allen Ebenen zu intensivieren, waren sich auch die Gäste der beiden Posiumsdiskussionen einig. Mit Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer, Ex-Bischof Martin Schindehütte, Pastorin Hanna Dallmeier, Friedensrefent Lutz Krügener und dem Geschäftsführer des Antikriegshauses, Elvin Hülser, sprach Hannelore Krüger vom Vorstand über die Wandlung des friedenpolitischen Engagements in der Kirche. „Während meiner Zeit als Pastor wurde mir wegen meines Engagements in der Friedensarbeit mit einem Disziplinarverfahren gedroht. Jetzt sagt die Synode, die Friedensarbeit eghört in die Mitte unserer Arbeit. Das war ein langer Weg in 40 Jahren“, sagte Schindehütte.
Seit zwei Jahren beschäftigt das Antikriegshaus jeweils für ein Jahr auch Freiwillige. Nach Ayanda Mbete aus Südafrika unterstützen jetzt Nicolás Hernandéz Chimenéz und Samir Mührasst Iriarte aus Kolumbien den Verein bei der Friedensarbeit, die ebenfalls ber den ICJA internationalen Freiwilligenaustausch nach Sievershausen gekommen sind. Gemeinsam mit Jan Gildemeister von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, Oliver Knabe vom Forum Ziviler Friedensdienst und Nikolaus Ell von der ICJA als Partner des Antikriegshauses diskutierte Elvin Hülser unter anderem über die Zukunft der Friedensarbeit. Gealtfreie Konfliktlösung müsse in jeder Generation ne gelernt werden, lautete ein Fazit. Nikolaus Ell brachte es auf den Punkt: „Wir müssen unseren Kindern den Frieden erklären, damit sie nicht irgendwem den Krieg erklären!“