110 Tonnen Stahl am Haken

Ausrichtung des Portalkrans im Mega Hub am Eisenbahnlängsweg. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Präzision war beim Auflegen gefordert. (Foto: Susanna Veenhuis)

Mega Hub: Querbalken am ersten Container-Kran eingehoben

LEHRTE (sv). 110 Tonnen Stahl in einer Länge von 85 Metern hingen jetzt unter strahlend blauem Sommerhimmel am Haken eines Schwerlastkrans, der den Querbalken für den ersten so genannten Portalkran der Mega Hub-Anlage auf seinen beiden Stützen platzierte. Zwei weitere Container-Verladekräne dieser Art sollen bis Dezember errichtet werden, um ab Fahrplanwechsel die neue Schnellumschlag-Anlage zunächst im Testbetrieb laufen zu lassen, wie Projektleiter Andreas Witzel erklärte. Die Mega-Hub-Anlage sei der einzige Containerumschlagplatz dieser Art und Größe in Europa und bilde zukünftig für den Handel als moderne „Seidenstraße“ das „Tor zum Westen“.
In dem Güterumschlagszentrum können bis zu sechs dieser Kräne je nach Marktlage sukzessive gebaut werden. Die Kräne sind sowohl für 20-Fuß- als auch für 40-Fuß-Container ausgelegt. Bis zu 269.000 Ladeeinheiten können nach Fertigstellung hier pro Jahr umgeschlagen werden, sagte Andreas Witzel. Das entspreche 15 bis 20 großen Containerschiffen. Dank ihrer Konzeption und automatisierter Technik unter besonderer Reduzierung von Schallemissionen soll die Anlage umständliches und lautes Rangieren überflüssig machen. Stehzeiten von bis zu mehreren Tagen für Güterzüge sollen dann der Vergangenheit angehören. Dazu fahren sie ein und über spezielle Videotore werden die eingehenden Ladungen erkannt und die Bestimmungsorte festgestellt, sogar Schäden an der Ladung können so erkannt werden. Die Container werden von den Kränen automatisch auf elektrisch angetriebene und sehr wendige, so genannte Automatic Guided Vehicles (AGV) – auf Deutsch: fahrerlose Transportsysteme – umgehoben und zu ihrem weiterführenden Zug gebracht, wo wiederum Kräne das Umsetzen übernehmen. Die Feinarbeit liegt dabei in den Händen von Kranführern.
Ganze Züge sollen innerhalb von zwei Stunden entladen werden, um neu bestückt ihren jeweiligen Zielen entgegenfahren zu können. Fünf Kilometer gleise und 50 Weichen seien eingebaut worden. Mit speziellen tonnenschweren Beton-Gleistragwannen ist der ganze 85 mal 800 Meter große Umschlagsbereich nach Umweltrichtlinien sogar gegen auslaufende Schadstoffe und kontaminiertes Regenwasser abgesichert. „Das war eigentlich so nicht vorgesehen und ist bislang einzigartig an solchen Umschlagplätzen“, berichtete Andreas Witzel. Für Leckagen mit Gefahrstoffen stehen überall weitere spezielle Auffangbecken bereit. Diese Ausrüstung mache mit etwa 25 Millionen Euro einen der größten Posten des insgesamt 170 Millionen teuren Bauwerks aus. Ein weiterer großer Kostenpunkt sei die Beseitigung von rund 150 Tonnen kontaminiertem Altschotter gewesen. Das entspricht 6.000 LKW-Ladungen, die vor Baubeginn ausgekoffert und zur Entsorgung abtransportiert worden seien. 75 Arbeitsplätze sollen hier entstehen, zuzüglich weitere in Gewerken im Zuge des Anlagenbetriebs, sagte Andreas Witzel. Momentan seien auf der Baustelle unter der Westtangente 50 Mitarbeiter beschäftigt.
Für viele Lehrter ist mit der Megahub-Anlage in Verbindung mit dem Güterverkehrszentrum eine lange Geschichte mit vielfältigem Auf und Ab verbunden. Ende der 1990er-Jahre wurde das Planfeststellungsverfahren eingeleitet, um Güter vom LKW auf die Schiene und umgekehrt umzuheben mit dem Ziel, den Bahn-Güterverkehr auszubauen. Der umweltfreundliche Nebeneffekt wurde aber vor Ort überlagert von Befürchtungen über ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, mehr Umweltverschmutzung durch Dieselabgase und Ruß sowie eine erhöhte Lärmbelästigung. Es gab Bürgerversammlungen und Informationsveranstaltungen. Mehrfach versanken aufwendige Planungen der DB wieder im Dornröschenschlaf. Die Pläne für das Güterverkehrszentrum (GVZ), dessen Gründung an die DB-Anlage geknüpft war, gerieten in Schieflage. Schließlich wurde das GVZ aber trotzdem gebaut.
Im Mai 2018 schließlich wurde wieder einmal ein erster Spatenstich für den Mega Hub gefeiert – freilich nach neuen Planungen, denn in über 20 Jahren hatten sich Technik und Marktansprüche radikal geändert. So soll in der Anlage im Wesentlichen der Bahn-Güterverkehr bedient werden, wie der Projektleiter sagte. Im benachbarten GVZ gebe es Kunden, die schon Interesse zur Umladung zwischen LKW und Bahn signalisiert hätten.
Von der Westtangente sowie vom Eisenbahnlängsweg aus war das Kranbau-Spektakel gut zu verfolgen. Von den Vorüberfahrenden bekam das kaum jemand mit, nur eine Handvoll geladene Presseleute interessierte sich dafür. Die mussten allerdings auf der Jagd nach Bildmaterial drei Mal anrücken, denn wegen im Autobahnstau steckengebliebener Teiletransporte hatte sich der erste Termin um 9.30 Uhr schon als Falschmeldung erwiesen. Auch das erneute Baustellentreffen drei Stunden später erwies sich als Fehlalarm: Die Schäkel zum Anhängen der Gurte waren wohl nicht die richtigen. Beim dritten Signal durch die DB-Vertreter war es fast schon zu spät: Der riesige Querbalken hing schon weniger als einen Meter über den Haltepfeilern. Bauarbeiter zogen den „Schwebebalken“ auf Anweisungen ihrer Kollegen in den Hubsteigern mit langen Seilen in die Position, in der er schließlich auf den Stützen montiert werden konnte.