1. Mai-Kundgebung in Lehrte: Gewerkschaftler kämpfen für gute Arbeit und sichere Rente

Die Kundgebung begann mit einer ökumenischen Andacht, den Pastorin Gesa Steingräber-Broder und Pfarrer Roman Blasikiewicz gestalteten. (Foto: Horst-Dieter Brand)
 
Der Sozialphilosoph Oskar Negt war Hauptredner zum Thema „Gute Arbeit - Sichere Rente - Soziales Europa“. (Foto: Horst-Dieter Brand)

Ein Beitrag von Horst-Dieter Brand - Sozialphilosoph Oskar Negt prangert die „Fragmentierung von Lebensverhältnissen“ an

LEHRTE (hdb).“Gute Arbeit – Sichere Rente – Soziales Europa“: Diese drei Kernforderungen bestimmten die Reden bei der Kundgebung zum 1. Mai auf dem Rathausplatz. Die - wenn auch etwas ausschweifenden - Thesen des Hauptredners Oskar Negt fanden bei den mehr als 600 Zuhörern besonderen Beifall.
Der Sozialphilosoph aus Hannover sprach in freier Rede und ließ sich in seinen Ausführungen auch nicht vom Lehrter Gewerkschaftsführer Reinhard Nold aufhalten, der mit Blick auf die Uhr zum Abschluss mahnte. Negt verstand es dennoch, mit einprägsamen Bildern und Vergleichen den Finger in die Wunden zu legen: Er streifte die aktuelle Krise der europäischen Integration, forderte zum kollektiven Lernprozess über die Grundlagen des Rechts- und Sozialstaates auf und betonte: „Die wirtschaftlichen Mächte dürfen sich nie wieder ohne demokratische Kontrolle entfalten.“
Negt warnte vor dem Ausplündern des Sozialstaates und forderte als Fundament einer demokratischen Gesellschaft die Möglichkeit zum angstfreien Leben. Dazu zähle unter anderem die Schließung der Gerechtigkeitslücke und die Abschaffung der „Fragmentierung der Lebensverhältnisse“, die keine zukunftsträchtige Lebensplanung mehr zulasse. „Empört euch!“, rief er dem Publikum in Anlehnung an die gleichlautende Forderung des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel zu.
Reinhard Nold, Vorsitzender des Lehrter Ortskartells, hatte in seiner Begrüßungsrede die Marschrichtung der Kundgebung vorgegeben. Soziale Katastrophen, eine verfehlte Krisenpolitik, die Umverteilung von unten nach oben und eine „wirtschaftlich schädliche und sozial verheerende Kürzungspolitik“ waren seine wichtigsten Kritikpunkte an der „wirtschaftsliberalen Regierung“.
Denen setzte Nold Forderungen nach gerechterer Verteilung des Reichtums (Stichwort „Um-fair-teilen“) durch höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern, nach dem Abbau prekärer Beschäftigungsformen wie Mini- und Ein-Euro-Jobs und einem konsequenteren Kampf gegen Steuerbetrug - der Hinweis auf Uli Hoeneß durfte nicht fehlen - und Steueroasen.
„Ungleichheit ist kein Naturereignis. Sie ist politisch gemacht und kann auch politisch überwunden werden“, rief Nold mit Blick auf die Bundestagswahl im September dem Publikum zu.
Nach Nolds Einschätzung waren das mehr als 600 Zuhörer. An diese richtete Bürgermeister Klaus Sidortschuk ein kurzes Grußwort und appellierte an alle, das gewerkschaftliche Tages-Motto dürfe nicht nur für einen Tag gelten, sondern müsse ein stetiges Ziel sein, um „gesellschafts- und sozialpolitischen Sprengstoff“ zu entschärfen.
Als Gewerkschaftler (und nicht in seiner Funktion als Betriebsratsvorsitzender der Verlagsgesellschaft Madsack, wie er betonte) widmete sich Rainer Butenschön dem Thema der Arbeitszeitverkürzung mit der These: Wenn uns die Maschinen die Arbeit abnehmen, muss die die restliche Arbeit anders verteilt werden.
Aufschlussreich war auch ein kurzes Interview, dass Reinhard Nold mit den beiden Auszubildenden Daniela Schernell und Kai-Stefan Fries führte. Sie beklagten angesichts bevorstehender Umstrukturierungen bei einer Großbäckerei eine drohende sechsmonatige Probezeit und nur noch eine befristete Übernahme oder Teilzeitbeschäftigung trotz dreijähriger Lehre.
Das Rahmenprogramm gestalteten bei strahlend blauem Mai-Himmel das Langenhagener Musikcorps „Wildcards“, Jugendfußballer des SV Lehrte, eine multikulturelle Tanzformation und die DGB-Jugend. Das "Andere Kino" war mit einer Lotterie vertreten, deren Erlös für die digitale Umrüstung der Filmtechnik benötigt wird.