Zaunlänge beträgt in Summe 82 Kilometer

Erkenntnisse ausgetauscht (von links): Volker Wachendörfer (DBU), Karsten Behr (NBU), Holger Buschmann (NABU), Peter Schütte (NABU), Nicole Benning (VaH) und Sven Zwirner (Fa. Patura). (Foto: Nabu/Mareike Sonnenschein)
 
Ein Herdenschutz im Einsatz. (Foto: Bärbel Wittor)

Abschluss des Nabu-Projekts Herdenschutz

Region (r/gg). Unabhängig von der Vielzahl der im Altkreis aktuell von Wölfen gerissenen Weidetiere, hat der Nabu für ganz Niedersachsen einen Rückblick auf das Porjekt Herdenschutz veröffentlicht. Anlass ist die jetzt, nach dreieinhalb Jahren endende Finanzierung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) und die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung (NBU). Zuständig für Hilfe und Tipps zur Wolfsabwehr ist aber weiterhin der Landesamt für Umweltschutz, konkret das Wolfsbüro - der Marktspiegel berichtete.
Der Nabu-Bericht zum endenden Projekt geht aus einem Symposium hervor, das Ende September in der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz im Camp Reinsehlen stattfand und in dem von den Erfahrungen und Erkenntnissen berichtet und das Geleistete vorgestellt wurde. Nach der Begrüßung durch Susanne Eilers (Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz), folgten zunächst Grußworte von Hans-Jörg Schrader (Niedersächsisches Umwelt-Ministerium), Volker Wachendörfer (DBU) und Karsten Behr (NBU). Der Nabu-Landesvorsitzende Holger Buschmann würdigte vor allem den herausragenden Einsatz der Aktiven, die über 5.500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit im Projektzeitraum beim Bau wolfsabweisender Zäune als praktische Unterstützung von Weidetierhaltern aufgewendet haben. Holger Buschmann sagte: „So wird die Weidetierhaltung sowie die Natur- und Landschaftspflege nachhaltig unterstützt und zukunftsfähig aufgestellt.“ DBU-Experte Volker Wachendörfer ergänzte: "Das Nabu-Projekt ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die wichtige Symbiose zwischen Naturschutz und Weidetierhaltung gelingen kann. Vor allem: Es ist der richtige Weg, um die berechtigten Interessen verschiedener Akteure miteinander zu versöhnen." Die finanziellen Fördermöglichkeiten des Landes Niedersachsen würden durch das Nabu-Projekt und seinem geschaffenen professionellen Beratungsangebot, den helfenden Händen NABU-Aktiver im Gelände sowie wertvoller Netzwerkarbeit ergänzt und unterstützt. Durch die Freiwilligenarbeit zusammen mit Tierhaltern würden nicht nur Weidetiere vor Wolfsübergriffen geschützt, sondern es entstünde gegenseitiger Respekt und Verständnis zwischen den Beteiligten. Die Umsetzung von wirkungsvollen Herdenschutzmaßnahmen bewirke direkte Informations- und Anschauungsmöglichkeiten vor Ort, was oftmals zur Umsetzung weiterer Maßnahmen in der Region führe. So könne der Herdenschutz schrittweise flächendeckend umgesetzt werden. „Damit trägt der NABU wesentlich dazu bei, Akzeptanz für die Anwesenheit von Wölfen und darüber hinaus noch viel mehr, nämlich eine persönliche Verbindung zwischen Weidetierhaltung und Naturschutz zu schaffen“, so Holger Buschmann weiter.
Nabu-Projektleiter Peter Schütte erklärte: „Konkret bedeutet die Anwesenheit von Wölfen für Weidetierhalter höhere Kosten, beispielsweise für wolfsabweisende Zäunungen, die Anschaffung von Herdenschutzhunden oder erforderlich gewordene Betriebsumstellungen sowie einen Mehraufwand an Arbeitsleistung. An diesen Stellen können wir ansetzen, um Wissen zu schaffen und anfallende Kosten minimieren.“ Im Rahmen des Projekts wurden so über 130 Weidetierhaltern vor Ort zur Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen beraten. Dabei handelte es sich bei etwa der Hälfte um Schaf-/Ziegenhaltungen, einem Viertel Rinder-, einem Fünftel Pferde- und zwei Gatterwildhaltungen. Bei insgesamt 50 Tierhaltungen wurden fast 100 Weideflächen wolfsabweisend fest eingezäunt. „Das sind circa 530 Hektar und 82 Kilometer neue Zäune, die alte marode, nicht wolfsabweisende Zäunungen ersetzt haben – und zwar vom Nordseedeich bis zum Harz!“, rechnet Peter Schütte vor. Durch vom Projekt empfohlene Elektrozäune wird die Hütesicherheit für Weidetiere deutlich verbessert und Wolf und Wildschwein bleiben außerhalb der Weiden. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kleintiere und Rehwild die von uns favorisierten fünfreihigen Elektro-Festzäune queren“, sagte Peter Schütte zur Zerschneidung der Landschaft. Mit einer Beteiligung an über 70 Veranstaltungen werde deutlich, dass ein wichtiger Teil des Nabu-Projektes „Herdenschutz Niedersachsen“ auch dem Wissenstransfer der gewonnenen Erfahrungen aus der Praxis gewidmet sei.
Im weiteren Verlauf des Vormittags referierte Torsten Richter von der Universität Hildesheim über seine Untersuchungen zur Akzeptanzsteigerung für das Zusammenleben mit Wölfen durch die Einbindung Ehrenamtlicher in die Unterstützung von Weidetierhaltern. Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen stellte die einzelnen Bereiche des seit Anfang des Jahres ihrem Haus neu übertragenen Aufgabenfeldes Herdenschutz vor.
Nicole Benning (Verein für arbeitende Herdenschutzhunde) berichtete über den Einsatz von Herdenschutzhunden. „Wir setzen die Hunde seit Jahren in allen unseren Schafsherden mitten in Wolfsgebieten ein. Nachgewiesenermaßen meiden Wölfe unsere Herden. Probleme mit Anwohnern oder Spaziergängern, wie von einigen nahe Siedlungen oder in touristisch genutzten Gebieten der Lüneburger Heide und des Hamburger Moorgürtels befürchtet, haben wir kaum“, berichtete sie.
Im Anschluss wurden mehrere wolfsabweisende Zaunarten präsentiert. Als dauerhafte Anschauungsmöglichkeit wurden im Camp Reinsehlen ein für Schaf- und Rinderweiden geeigneter „fünfreihiger Glattdrahtzaun“ und eine Festzaunlösung für Pferdehaltungen installiert. Auch mobile Varianten wie der „Litzenzaun“ wurden vorgestellt und zusätzlich Hinweise zu Tricks und Tücken beim Aufbau von Elektronetzen gegeben. „Der Schlüssel für eine wolfsabweisende Wirkung ist die korrekte Elektrifizierung und Erdung“, erklärte Sven Zwirner, Weidezaunexperte der Firma Patura, „wir stellen immer wieder fest, dass es in diesem Bereich große Defizite gibt“. Ferner sei die Einhaltung der entsprechenden Abstände der elektrischen Leiter bei Fest- und Litzenzäunen zueinander und vor allem zum Boden wichtig. Da Wölfe in der Regel Hindernisse untergraben, darf der Abstand des untersten elektrischen Leiters zum Boden 20 Zentimeter nicht überschreiten.
Zum Abschluss des Tages hielt Peter Schütte fest, dass „jede Weidefläche individuell nach verschiedenen Gesichtspunkten wie beispielsweise Tiergattung, Betriebsabläufen, Gelände oder sonstiger Einschränkungen betrachtet werden muss“. Deswegen sei eine einzelbetriebliche Vor-Ort-Beratung unabdingbar. „Wir möchten unsere Aktivitäten fortführen können. Das Umweltministerium hat eine zukünftige Förderung heute zugesagt, das freut uns sehr“, ergänzte Holger Buschmann.
Der Nabu ist mit rund 120.000 Mitgliedern der größte Umweltverband in Niedersachsen und verfügt über ein großes Netzwerk ehrenamtlicher Mitarbeiter in diesem Flächenland.