"Seelentröster oder schon Abhängigkeit?"

Alkohol-Konsum: Klinikum Wahrendorff bietet frühzeitige Hilfe

Region (r/gg). In der Pandemie mit all ihren Beschränkungen und Unwägbarkeiten greifen immer mehr Menschen aufgrund existenzieller Ängste, Vereinsamung und Langeweile zum Alkohol. „Wenn Alkohol bewusst zur Stressbewältigung genutzt wird, kann sich rasch eine riskante Gewohnheit entwickeln, die über die Zeit in einer Abhängigkeitsentwicklung mündet. Das kann auch bislang im Umgang mit Suchtmitteln unbelastete Menschen treffen“, erläutert Claudia Wenzel, promovierte Ärztin der Psychiatrisch-Psychosomatischen Klinik Celle, Klinikum Wahrendorff. Wenngleich Absatz und Pro-Kopf-Verbrauch alkoholischer Getränke 2020 insgesamt deutlich gesunken sind, da das gesellige Trinken in der Gastronomie, auf Festen oder Veranstaltungen anhaltend nicht möglich ist, hat gemäß Global Drug Survey der Alkoholkonsum während der Pandemie weltweit signifikant zugenommen und sich damit ins private Umfeld verlagert. Die Ergebnisse der internationalen Erhebung an mehr als 58.000 Menschen, von denen deutlich mehr als ein Drittel der Befragten einen häufigeren Alkoholkonsum seit Pandemiebeginn und höhere Trinkmengen angaben, decken sich auch mit den Ergebnissen verschiedener nationaler repräsentativer Erhebungen. Dabei werden auch besorgniserregende Trends offenkundig – so fand eine erst kürzlich veröffentlichte forsa Umfrage insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen seit Pandemiebeginn deutlich vermehrten Alkohol- und Tabakkonsum, entgegen dem Trend der Vorjahre in dieser Altersgruppe. In zahlreichen Publikationen wurden in den letzten Monaten die Auswirkungen der Pandemie auf das seelische Befinden gesunder wie auch psychisch vorerkrankter Menschen umfassend erläutert. „Wir dürfen aber nicht müde werden, auf die Gefahren für die seelische Gesundheit hinzuweisen“, so Claudia Wenzel.
„Immer mehr Menschen versuchen offenbar, ihre Sorgen und Ängste, aber auch Langeweile oder Einsamkeit mittels Alkoholkonsum zu kompensieren. Durch Isolation und Home Office entfällt die soziale Kontrolle. Das Allein-Trinken scheint eher akzeptabel als vor der Pandemie, ein Konsum am Vormittag fällt ebenso wenig auf wie eine Alkoholfahne; der Konsum wird mitunter rasch zur entlastenden Gewohnheit“, fasst die Ärztin zusammen. Verstärkend kommt hinzu, dass gesündere Strategien zur Regulation von Stress und negativem Befinden wie sportliche Aktivitäten, insbesondere in der Gruppe, Treffen mit Freunden oder kulturelle Angebote seit Langem nicht verfügbar sind.
Neben Ängsten vor einer Infektion können auch berufliche, ökonomische und familiäre Auswirkungen der Pandemie die eigene psychosoziale Belastung jedes Menschen deutlich erhöhen. Zudem ist davon auszugehen, dass psychische Erkrankungen wie Angsterkrankungen und Depressionen in Zeiten sozialer Distanz und Isolation zunehmen. „Viele unserer Patienten sind nicht ausschließlich durch eine einzige Erkrankung belastet“, so Claudia Wenzel, „ein mindestens problematischer Alkoholkonsum und eine depressive Symptomatik bedingen häufig einander“.
Menschen mit einer bereits gesicherten Abhängigkeitserkrankung sind unter den Gegebenheiten der Pandemie verstärkt rückfallgefährdet. Generell konsumieren Suchtkranke ihr Suchtmittel häufig aus konkreten persönlichen Motiven, dabei wird die Reduktion unangenehmer Gefühlszustände, wie beispielsweise Ängste, Überforderung, Einsamkeit oder Langeweile mit am häufigsten angegeben. Somit bergen die typischen Folgeprobleme der Corona-Pandemie erhebliche Risiken, die zu einem Rückfall in den Konsum führen können. Hinzu kommt die Tatsache, dass aufgrund der behördlichen Beschränkungen viele ambulante Hilfsangebote über längere Zeit nicht oder nur eingeschränkt verfügbar waren oder sind. In der Behandlung suchtkranker Menschen sind neben einer festen Tagesstruktur diese Nachsorgeangebote aber wesentlich, um dauerhaft abstinent zu bleiben. „Viele unserer Patienten schildern, dass auch das Pausieren ihrer Selbsthilfegruppe und damit verbundener sozialer Kontakte mit zu einem Rückfall beigetragen haben“, beschreibt Claudia Wenzel die Situation. „Auch die sich regelmäßig in unserer Klinik präsentierenden Selbsthilfegruppen konnten wir aufgrund der pandemiebedingten Vorgaben seit längerer Zeit nicht empfangen“.
Ein frühzeitiges Handeln ist aber auch in Pandemiezeiten von wesentlicher Bedeutung. Wer bei sich selbst oder Angehörigen eine nachhaltige Veränderung des Alkoholkonsumverhaltens feststellt, sollte professionelle Hilfe suchen. Der Hausarzt kann dabei ebenso der erste Ansprechpartner sein wie die Mitarbeiter einer Suchtberatungsstelle vor Ort, die sehr niedrigschwellige Beratungsangebote vorhalten.
Auch die Psychiatrisch-Psychosomatische Klinik Celle bietet verschiedene Beratungs- und Behandlungsangebote, um auf schnellem Wege die individuell notwendige Therapie einzuleiten. Neben dem Angebot einer stationären körperlichen Entgiftung von Alkohol bietet die Klinik auf einer hierfür spezialisierten Station die sogenannte qualifizierte Entzugsbehandlung für legale Suchtmittel an, die ein spezifisches Therapieprogramm beinhaltet, um die einmal erreichte Abstinenz bestmöglich zu stabilisieren. Außerdem werden im Behandlungskonzept der Station gezielt Therapiebausteine aus der Depressionsbehandlung mit solchen aus der Suchttherapie kombiniert. „Indem auf alle Facetten des individuellen Krankheitsbildes therapeutisch eingegangen wird, ist häufig erst ein nachhaltiger Behandlungserfolg möglich“, ermutigt Claudia Wenzel dazu, sich Hilfe zu suchen.
Anfragen für eine stationäre Behandlung können zentral über die Telefonnummer 05141 5935 4105 gestellt werden.