Eindringliche Bitte um Solidarität

Im Artenschutzzentrum Leiferde wird versucht, gefundene Wildtiere vor dem Hungertod zu bewahren. Das gelingt nicht immer. (Foto: Joachim Neumann)

Verzicht auf Querfeldein zum Schutz der Wildtiere

Region (r/gg). Oft am Rande der Kapazitäten“ sieht Bärbel Rogoschik das von ihr geleitete Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde im Landkreis Gifhorn. In dem Zentrum, das seit Jahrzehnten verletzte, kranke und geschwächte Wildtiere aufnimmt, um sie fachgerecht zu pflegen – darunter zahlreiche geschützte Tierarten, die nicht in Laienhände gehören – „stoßen wir wieder einmal an die Grenzen unserer Kapazitäten“, berichtet sie. Hinzu kommen von Behörden beschlagnahmte Pfleglinge, in der Regel Exoten, die ebenfalls den Weg nach Leiferde finden.
„Die Corona-Pandemie setzt uns auch im zweiten Jahr ganz enorm zu“, sagt die engagierte Naturschützerin mit jahrzehntelanger Erfahrung: „Es ist ein doppelter Seiltanz, den wir vollführen müssen, um unser Bestes für die Tiere zu geben – und das im zweiten Jahr." Auf der einen Seite stünden eingelieferte oder gemeldete Pfleglinge in größter Zahl, auf der anderen fehlende Einnahmen, etwa durch weniger Besucher – und damit deutlich weniger Spenden – und das erneut abgesagte, traditionelle Storchenfest, dessen Absage ein erhebliches Loch in das Budget des seit mehr als 40 Jahren mit großem Enthusiasmus arbeitenden Zentrums reißt. „Und hinzu kommen die Auflagen zur Hygiene, die uns die Arbeit im täglichen Betrieb nicht vereinfachen“, stellt Bärbel Rogoschik fest.
„Erneut wurden und werden wir von eingelieferten Jungvögeln überflutet. Viele von ihnen mögen sicher aus Not heraus unsere Hilfe benötigen, etwa, weil Elterntiere ums Leben kamen oder ein Nest aus einer Hecke geweht wurde“, sagt Bärbel Rogoschik, „bei sehr vielen jedoch führt mangelnde Artenkenntnis oder sogar gefährliche, falsche Tierliebe dazu, dass sie regelrecht eingesammelt und bei uns abgegeben werden: Dies geschieht regelmäßig dann, wenn halbflügge Jungvögel piepsend, pfeifend oder tschilpend auf dem Boden herumhüpfen. Dann meinen manche Tierfreunde, sie seien hilflos – und sammeln sie verheerenderweise ein, obwohl diese Jungvögel – was völlig normal ist – durch ihre Laute lediglich Stimmfühlung mit ihren Elterntieren halten, die sie am Boden weiterfüttern, bis sie selbstständig genug sind, um allein auf Nahrungssuche zu gehen. Viele Menschen scheinen ein gutes Herz, aber so gut wie gar keine Ahnung mehr von Natur zu haben – und das kann für solche Wildtiere tödlich enden“, ist die NABU-Zentrumsleiterin zugleich enttäuscht, dass auch jahrzehntelange Aufklärungsarbeit offenbar jedes Jahr wiederholt werden muss und sich bei vielen Menschen überhaupt nicht zu verfangen scheint. „Es ist zu spüren, dass die Naturentfremdung sowohl zuhause als auch offenbar in den Schulen weitergeht, wenn nicht einmal einfachste Artenkenntnis und Wissen darüber noch vorhanden sind; sicher auch eine Folge des rapiden Verschwindens von Gärten. Denn wer einen Garten hat, vielleicht sogar einen Nutzgarten, der oder die wird wesentlich mehr Naturbezug haben. Unsere Eltern und Großeltern kannten sich damit wesentlich besser aus“, mahnt Rogoschik und empfiehlt, Artenkenntnis und grundlegendes Wissen wieder in die Lehrpläne aufzunehmen.
„Mitunter werden uns ganze Nester mit Jungvögeln gebracht, die Leute wohlmeinend aus Hecken gerissen haben“, kann sie als weiteres Beispiel anfügen, „weil sie glaubten, sie seien von den Alttieren verlassen worden. Dabei haben sie die Alttiere selbst verschreckt, indem sie oft stundenlang am Nest gestanden haben. Hier verkehrt sich Tierliebe ins Gegenteil - leider!“. Die Fütterung und Versorgung von Jungvögeln sei extrem aufwändig, sowohl, was das Futter betrifft, als auch die Häufigkeit der Fütterungen. „Das ist kein Schönwetterhobby, das ist Knochenarbeit und nimmt auch seelisch ganz schön mit“, kann die engagierte Naturschützerin aus eigener Erfahrung berichten.
In besonderem Maße fallen in diesem Frühjahr auch wieder „die von überall angeschleppten oder gemeldeten Junghasen“ auf – sicherlich auch pandemiegeschuldet, wie Rogoschik vermutet: „Wir freuen uns ja, wenn wieder sehr viel mehr Menschen in die Natur gehen – aber bitte nicht überall querfeldein, etwa durch Wiesen, Felder und Wälder“, muss sie mahnen, denn: „Dort werden Wiesenbrüter aufgescheucht, Waldtiere immer wieder gestört – und beispielsweise Junghasen in Wiesen aufgestöbert, wo sie sich, wie es ihren Genen entspricht, durch Ducken im hohen Gras verbergen wollen“, erläutert die Zentrumsleiterin. „Diese Tiere sind keineswegs verlassen. Sie warten ab, bis die Gefahr vorüber gegangen ist, und sie wieder von ihrer Mutter angenommen werden. Junghasen sollten daher keineswegs berührt werden, da das Muttertier sie dann aufgrund der Fremdwitterung nicht mehr annimmt“, sagt Rogoschik. „Auffällig ist zudem, dass so mancher Junghase, der uns gebracht wurde, in einem Garten gefunden wurde – schlichtweg deshalb, weil das Neubaugebiet, in dem dieser Garten liegt, in ein angestammtes Hasenrevier hineingebaut wurde – der ausufernde Flächenverbrauch fällt auch hier der Natur auf die Füße“, zeigt sie auf.
„Immer mehr Aufwand, immer mehr Pfleglinge – und weniger Spenden, das ist sehr bitter“, resümiert sie und sagt: „Und es muss doch weitergehen, das sind wir den tausenden Tieren schuldig. Deshalb sind wir für jede Unterstützung dankbar – und für die große Solidarität, die wir von vielen Menschen seit dem Beginn der Pandemie erfahren dürfen“.