"Scheinriesen gibt es häufig in der Politik"

Hoher Besuch in der Stadtbibliothek: Ministerpräsident Stephan Weil las den Viertklässlern aus der Grundschule Lehrte-Süd ein spannendes Abenteuer aus „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotovführer“ vor. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Stolz präsentiert Bibliotheksleiterin Ingrid Klug das Gästebuch mit dem Eintrag des Ministerpräsidenten: „Das hat Spaß gemacht – Vorlesen mit den 4. Klassen von der Grundschule Lehrte-Süd“ hat Stephan Weil geschrieben. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ministerpräsident Weil liest Viertklässlern in der Stadtbibliothek vor

LEHRTE (sv). „Was ist Dein Lieblingsessen?“ „Auf welchen Fußballverein stehst Du?“ „Wir sind Sie Ministerpräsident geworden?“ Einem wahren Fragenhagel sah sich das niedersächsische Landesoberhaupt Stephan Weil bei seinem Besuch in der Lehrter Stadtbibliothek ausgesetzt. Er beantwortete jede Frage offen und merklich gern und freute sich sehr über die lebhafte Schülerschar. 65 Mädchen und Jungen aus den drei vierten Klassen der Grundschule Lehrte-Süd hatten ihn höflich mit „Guten Tag, Herr Weil“ begrüßt; nun hingen sie gebannt an seinen Lippen, als er ihnen aus dem Kinderbuch-Klassiker „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von Michael Ende die abenteuerlichen Begegnung mit Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen, vorlas.
Wie sein Parteikollege, der Lehrter Bürgermeister Klaus Sidortschuk, der vergangene Woche zum 15. Deutschen Vorlesetag in einem Kindergarten ein Bilderbuch präsentiert hatte, nahm auch der Ministerpräsident diesen Tag zum Anlass für seine besondere „Vorlesung“. Damit löste er ein Versprechen vom Vorjahr ein, denn seinerzeit hatte der Parteiwechsel der Grünen Landtagsabgeordneten Elke Twesten zur CDU der knappen Mehrheitsverhältnisse wegen Neuwahlen erforderlich gemacht, der Lehrter Lesetermin hatte verschoben werden müssen. Freilich klappte es aus Termingründen auch diesmal nicht direkt zum offiziellen Vorlestag am dritten Freitag im November. Aber das war den Kindern letztlich egal, das Votum war eindeutig, als er fragte, ob sie wieder in die Schule zurückkehren oder noch eine kleine Geschichte hören wollten.
„Ich kannte das Buch schon, als ich selber noch ein Kind war“, plauderte der Polit-Promi aus dem Nähkästchen, und auch seinem mittlerweile über 30 Jahre altem Sohn habe er früher daraus vorgelesen. Auch für viele aus seinem Publikum war Endes Fantasie-Insel Lummerland kein Neuland. Dennoch war es mucksmäuschenstill, als Weil die Story von dem riesigen, gefährlich scheinenden Wesen vortrug, das beim Näherkommen erstaunlicherweise immer kleiner wird. „Eigentlich ist so etwas gar nicht möglich, weil alles, was weiter weg ist, immer kleiner aussieht; das ist eine Märchenfigur“, sagte ein Mädchen auf die Frage Weils nach dieser Symbolik. „Ihr kennt doch Angeber, das sind im übertragenen Sinn Scheinriesen – ich begegne jeden Tag welchen, die gibt's wohl in der Politik besonders häufig“, schmunzelte Weil. Angst sei ein schlechter Ratgeber, besser sei es, jemanden oder etwas erst einmal genauer zu betrachten und sich dann erst eine Meinung zu bilden, riet er seinem jungen Auditorium.
„Uuuuh“, schallte es beeindruckt aus 65 Kinderkehlen, als Weil die Frage bejahte, ob er schon Angela Merkel begegnet sei. Noch an diesem Abend stand wieder ein Treffen mit der Kanzlerin in Berlin an. Gemäß seinem Auftrag aus der Kinder Reihen versprach er, sie von den Viertklässlern der GS Süd in Lehrte zu grüßen und wunschgemäß auch die spontane Einladung nach Lehrte auszusprechen. „Und falls Frau Merkel keine Zeit haben sollte, kann ich ja mal bei Euch vorbeikommen“, bot Bürgermeister Sidortschuk augenzwinkernd an.