Neujahrsempfang der Gemeinde

Jürgen Hansen: „Rund ein Drittel der Betriebe kann nicht alle Ausbildungsplätze besetzen.“ (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Personaldienstleisterin Tina Voß beleuchtete die Stellensuche im Fokus unterschiedlicher Generationen. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Gewerbetreibende bekamen neue Impulse zur Mitarbeitergewinnung im digitalen Zeitalter

Von Bettina Garms-Polatschek

ISERNHAGEN FB. Der Neujahrsempfang der Gemeinde Isernhagen rannte mit dem Kernthema: „Gewinnung und Bindung von Auszubildenden und Mitarbeiter/innen“ offene Türen ein. Gerade Gewerbetreibende und kleinere Unternehmen haben mittlerweile Probleme, Ausbildungsplätze und freie Stellen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. So organisierte Wirtschaftsförderer Michael Frerking eine Veranstaltung mit Impulsvorträgen und einer Podiumsdiskussion mit Vertretern aus fünf Isernhagener Betrieben. Im Anschluss tauschten sich die knapp dreihundert Teilnehmer bei einem kleinen Imbiss aus.
In der Begrüßungsansprache machte Bürgermeister Arpad Bogya klar, dass selbst die Gemeinde Isernhagen als öffentlicher Arbeitgeber und Dienstleister mit rund 300 Mitarbeitern von dieser Entwicklung betroffen sei. Im vergangenen Jahr seien 60 Stellen ausgeschrieben worden, einige sogar mehrfach. In 13 Fällen sei es nicht gelungen, die Stellen zu besetzen. Bogya sprach von einem „War for Talents“, den die Gemeinde gerade im Werben um Kita-Personal oft verliere, da andere Arbeitgeber meist attraktivere Gehälter zahlten. Dem stelle die Gemeinde jedoch die Sicherheit des öffentlichen Dienstes, gute Arbeitsbedingungen und ein aktives Gesundheitsmanagement entgegen.
Insbesondere seien gute Schulen und Kinderbetreuung von ehemals weichen zu „harten Standortfaktoren“ geworden. Gerade im Krippen- und Kitabereich müsse eine gesetzeskonforme Infrastruktur vorgehalten werden, die in Isernhagen bereits weit ausgebaut worden sei. Dennoch könne die Gemeinde beispielsweise das Baugebiet Wietzeaue II noch nicht vermarkten, weil bei Vergabe der rund 60 Baugrundstücke mit dem Kinderbetreuungsangebot nachgezogen werden müsse.
Rund 2.000 Anfragen lägen für das Baugebiet vor, doch die Vermarktung sei schon von 2018 auf voraussichtlich 2021 verschoben worden. Zunächst müssten das Großbauprojekt Campus Isernhagen und weitere Bauvorhaben wie eine Kita in Altwarmbüchen oder in Isernhagen FB umgesetzt werden, erklärte Bogya und leitete zur mühsamen Personalgewinnung in Kinderbetreuungseinrichtungen über: „Das ist ein schwerwiegendes Thema heutzutage“.
Aktuelle Zahlen aus der Region legte Beschäftigungsförderer Jürgen Hansen von Hannoverimpuls vor. Seit 2013 zeichne sich der Trend ab, dass immer mehr junge Menschen ein Studium begännen, die Zahl der Ausbildungsstarter gehe demgegenüber immer mehr zurück. Ein Drittel der Betriebe könne die Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen, so Hansen.
Als Grund hätten diese ungeeignete Bewerber oder Kandidaten, die zwar Ausbildungsverträge unterschrieben hätten, dann aber nicht erschienen seien. Manche Betriebe hätten auch gar keine Bewerbungen erhalten.
Tina Voß, Geschäftsführerin ihres eigenen Personaldienstleistungsunternehmens mit über 30 Mitarbeitern, fasste in ihrem Impulsvortrag die Umkehrung der Verhältnisse zusammen: „Früher war ein Bewerber ein aktiv suchender Kandidat und der nahm einiges in Kauf, auch wenn es mal ein paar Wochen gedauert hat.“ Heute wolle ein Bewerber einen „Mehrwert“ haben und suche eher passiv. Mit den Bewerbern sei der gesamte Bewerbungsprozess wesentlich anspruchsvoller geworden.
„Die Machtverhältnisse haben sich verändert, der Markt hat sich gedreht, wir haben einen sogenannten Bewerbermarkt!“ Die klassische Stellenanzeige habe in den Jahrgängen der 1980 bis Ende der Neunziger geborenen potenziellen Mitarbeiter weitgehend ausgedient. „Die sind ganz anders unterwegs“, so Voß. Diese Generation „Y“ stelle die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit und strebe weniger Status an. Sie suche mehr Raum für individuelle Entwicklung bei gleichzeitiger Sicherheit.
Man müsse diese Mitarbeiter dort finden, wo sie sich aufhielten, so Voß. Im Netz mit Internetportalen wie Xing, Hey Jobs, Talent Hero oder Job Hero. Die Unternehmen müssten sich auf diesen Trend einstellen und ihre freien Stellen auf optimierten Webseiten für Smartphones präsentieren. Bewerbungen müssten per Click im Messenger des Mobiltelefons möglich sein, sonst habe man schon verloren, betonte die Personalexpertin.
Die Unternehmen haben sich schon ein Stück weit umgestellt, setzen aber auch auf klassische Strategien. Das zeigte sich in der anschließenden Podiumsdiskussion mit lokalen Unternehmensvertretern. Dirk Moch (Ludwig Bertram GmbH) möchte Bewerbungsverfahren optimieren und dazu die „neuen Tools“ nutzen. Ina Wenig (B.I.P. GmbH) berichtete, dass fortschrittliche Bewerbungsgespräche wie etwa per Skype schon vor über 10 Jahren durchgeführt wurden. Für sie seien vor allem flexiblere Arbeitszeiten wichtig für die Mitarbeitergewinnung. Der Wunsch von Peter-Wolfgang Plagens (Gehrke Exon mbH) nach einem Ausbau von Bus- und Bahnverbindungen und flexibleren Kinderbetreuungszeiten steht auch für viele Unternehmen. Jan Grote (Pflegezentrum Grote) hat gute Erfahrungen mit den eigenen Mitarbeitern gemacht. Sie hätten das Pflegezentrum potenziellen Bewerbern aus dem persönlichen Umfeld als guten Arbeitgeber empfohlen und diese in das Unternehmen gebracht. Rainer Burckhardt sucht gerne Auszubildende unter älteren Umschülern, da sie mit Anfang 20 schon eher wüssten, was sie wollten und gute Mitarbeiter seien.