Ersatzmutter rund um die Uhr

Anika Oppermann betreut jeden Schützling rund sechs Monate, bis die Kitze behutsam ausgewildert werden können. (Foto: Bettina Garms-Polatschek)
 
Anika Oppermann (Mitte) bekommt finanzielle Unterstützung für die Versorgung der Rehkitze (v. l.): Uwe Wagstyl (Bürgerstiftung Isernhagen), Meinolf Helling und Detlef Pausch (beide Hegering Isernhagen). (Foto: Bettina Garms-Polatschek)

Anika Oppermann kümmert sich um die Aufzucht von Rehkitzen

ISERNHAGEN FB (bgp). Ein außergewöhnliches Hobby, das sie neben ihrer Büroarbeit rund um die Uhr beansprucht, pflegt Jägerin Anika Oppermann.
Seit über fünf Jahren kümmert sie sich mit viel Hingabe um die Aufzucht von verwaisten Rehkitzen. Auf ihrem Wiesengelände mit angrenzendem Stall tummeln sich zurzeit drei der Wildtiere, die rund sechs Monate von Mai bis November bleiben. Anschließend werden die Tiere von der Aufzuchtstation aus behutsam in die umliegende Feldmark ausgewildert.
Ein Blick in die Futterschüsseln zeigt, wie aufwändig und kostspielig die Betreuung der Kitze ist, die nur von Menschen mit entsprechendem Befähigungsnachweis durchgeführt werden darf. Frische Brombeeren, Blau- und Himbeeren stehen dort, daneben geraspelte Möhren und Spezialfutter.
Im Stall liegt ein knackiger Salatkopf, an dem ein Kitz genüsslich knabbert. Die Jungtiere können jedoch nicht von Anfang an feste Nahrung zu sich nehmen. In der ersten Zeit bei Anika Oppermann bekommen sie alle drei Stunden Spezialmilch, die auch zur Aufzucht von Lämmern verwendet wird. An viel Schlaf ist da nicht zu denken, eine Vertretung durch andere sachkundige Personen oft nicht möglich: „Es gibt Kitze, bei denen das funktioniert, aber die meisten der Tiere hier nehmen die Flasche nur von mir an“, erklärt Anika Oppermann.
Der Leiter des Hegerings Isernhagen, Detlef Pausch, erfuhr von den drei Neuzugängen, die innerhalb von 10 Tagen zu Oppermann kamen: „Wir sind wirklich dankbar, dass Anika sich so um die Kitze kümmert. Wir haben uns aber auch die Frage gestellt, wer das alles finanziert.“
So entstehen neben dem hohen persönlichen zeitlichen Aufwand auch erhebliche Kosten für die Ernährung mit speziellem Milchpulver, Vitaminen und Medikamenten. Hinzu kommen oftmals auch Kosten für tierärztliche Versorgung, die von Anika Oppermann bisher immer selbst getragen wurden. Auf der Suche nach Sponsoren gelang es Pausch und seinen Mitstreitern, die Bürgerstiftung Isernhagen zu gewinnen. Auch die Jägerschaft Burgdorf beteiligt sich als anerkannter Naturschutzverein ebenso wie der Hegering Isernhagen an den erheblichen Kosten für die Aufzucht der Kitze, deren Elterntiere beispielsweise dem Autoverkehr zum Opfer gefallen sind. „Für ein Kitz hat sich der Finder dankenswerterweise verantwortlich gefühlt und einen Dauerauftrag eingerichtet“, berichten die Akteure.
Ein weiterer Grund, warum die jungen Wildtiere bei Anika Oppermann landen, ist oftmals Unwissenheit: „Die Menschen meinen es zwar gut, wenn sie vermeintlich verwaiste Kitze einsammeln und zu mir bringen, doch meist wäre das nicht notwendig.“
In fast allen Fällen seien die Ricken ganz in der Nähe und warteten darauf, sich ungestört ihrem Nachwuchs widmen zu können. Dieser verhält sich ruhig und duckt sich im hohen Gras oder Getreide, um vor dem Zugriff von Feinden sicher zu sein. Werden die Kitze von Menschen berührt, nehmen die Muttertiere sie nicht mehr an. Landen diese Tiere dann bei Anika Oppermann, so ist das zwar ein Glücksfall, doch nicht alle Kitze schaffen den Start in das Leben ohne Muttertier.
Neben den drei Kitzen, die momentan von der Jägerin betreut werden, gab es noch zwei weitere: „Sie haben leider die ersten kritischen Wochen nicht überstanden“, bedauert die engagierte Ersatzmutter.
Oppermann und Pausch sind zwar froh, dass viele Menschen der Natur gebührende Aufmerksamkeit schenken, sehen aber Störungen abseits der ausgewiesenen Wege kritisch. Gerade in der Brut- und Setzzeit gebe es viele Verluste, weil Hunde nicht angeleint seien oder Jungtiere aus Unwissenheit eingesammelt würden.
Dazu betont Pausch: „Die Entnahme von Wildtieren aus der Natur durch Nichtjäger wird gesetzlich als Wilderei bewertet.“ Im Zweifelsfall sei es besser, die Polizei zu informieren oder, sofern bekannt, die Revierinhaber zu benachrichtigen. Beim Umgang mit Jungtieren in der freien Natur gebe es außerdem eine klare Regel: „Junges Haarwild niemals anfassen, Hunde unbedingt anleinen!“