Zufallsbegegnung: Großes Wiesel suchte tagsüber die Grabenränder ab

Plötzlich war das Große Wiesel an der Grabenböschung, huschte dort flink entlang, schlug Haken nach links und rechts und bewitterte eine Stelle, wo vielleicht kurz zuvor eine Maus entlang gelaufen war. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Dann ging die rasend schnelle Jagd weiter. Das Tier witterte noch einmal in ein Mauseloch, ob der Bewohner zu Hause ist. War er offensichtlich aber nicht, denn das Wiesel verschwand anschließend schnell. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Kleines Raubtier mit großem Verbreitungsgebiet über Eurasien und Nordamerika

BURGWEDEL (hhs). Das Große Wiesel ist ein kleines marderartiges Raubtier mit dem sicherlich größten Verbreitungsgebiet, dass Raubtiere auf dieser Erde überhaupt haben: Es reicht vom gesamten mittleren Eurasien bis Nordamerika. Sogar in Neuseeland soll es zudem einen stabilen Bestand der possierlichen Räuber geben, der dort vor Jahren ausgewildert wurde. Das Große Wiesel ist bekannter unter seinem zweiten Namen Hermelin, eine Bezeichnung, die heute noch gebräuchlich ist für den weißen Pelz der Tiere. Die Forschung war sich bis ins 17. Jahrhundert nicht einig, ob es nur ein Großes Wiesel gab, im wesentlichen braun weiß gefärbt, oder ein beinahe rein weißes mit schwarzer Schwanzquaste.
Heute weiß man: Großes Wiesel und Hermelin sind eine Art, aber eine früher mit Tücken bei der wissenschaftlichen Bestimmung, denn es gibt viele ganz unterschiedliche Phänotypen innerhalb dieser einen Art. Eine Begründung dafür ist das riesige Verbreitungsgebiet mit seinen ganz unterschiedlichen klimatischen Bedingungen zur gleichen Zeit. Unsere Vorfahren haben sich aber früh geeinigt, dass das rötlich braune Raubtier im Sommer Wiesel heißen soll, das weiße im Winter Hermelin. Dabei heißt „Hermelin“ eigentlich nichts anderes als Wiesel. Im Althochdeutschen war der Name für das Wiesel „Harmo“, Hermelin war die Verkleinerung dieses Harmo. Man wusste also damals schon gut Bescheid um unser Wiesel. Diese Tiere, wie immer sie man auch bezeichnete, waren im Mittelalter auf dem besten Wege, Haustiere in landwirtschaftlichen Gegenden zu werden. Sie wurden zur Bekämpfung der ständig herrschenden Mäuse- und Rattenplage eingesetzt. Beide Arten fraßen damals einen großen Teil der Getreideernte auf. Das Große Wiesel soll aber durch den Einsatz und das Aufkommen der Hauskatze von dieser Aufgabe entbunden worden sein.
Um es kurz zu machen: In den klimatisch gemäßigten Zonen hat das Große Wiesel in der warmen Jahreszeit ein oben kastanienbraunes, am Bauch ein weißes Fell, im Winter trägt es ein rein weißes Fell. In den warmen Zonen ist das Große Wiesel zu jeder Jahreszeit braun-weiß gefärbt, in den kalten Zonen immer rein weiß. Aber: Alle Wiesel haben immer eine schwarze Quaste am Schwanzende, bei jeder Färbung und bei jeder Jahreszeit und überall.
Wiesel lieben Grasland und mit Hecken und Gräben strukturiertes Kulturland. Große geschlossene Wälder schätzen sie nicht so sehr, wahrscheinlich gibt es dort zu wenig geeignete Beute für den kleinen Räuber. Besonders wohl aber scheinen sie sich an Waldrändern zu fühlen, dort zumindest werden sie häufig beobachtet. Ihre Beutetiere lassen sich wie folgt zusammenfassen: Alles bis zur Kaninchengröße. Wiesel sind besonders flink, was sich auch anerkennend sprachlich ausdrückt in der Metapher „wieselflink“. Und sie scheinen immer hungrig zu sein. Die Wissenschaftler führen das auf mangelnde Fettreserven des Tieres zurück und auf die schnelle Fortbewegung. Fettreserven in Form von Speck können sich Wiesel nicht leisten, denn um ihre Hauptbeute Mäuse zu fangen, müssen sie in deren unterirdische Gänge hineinpassen. Wiesel leben in Stein- und Holzhaufen, in den Bauen anderer Tiere, in Röhren, alten Wurzelstöcken, Hauptsache es ist dort einigermaßen trocken. Wiesel, so sagten die alten Wissenschaftler, jagen nur in der Dämmerung und nachts. Auch das hat sich nicht halten lassen: Wiesel jagen auch tagsüber, dann meistens in Wiesen und Weiden, in jedem Fall im Bewuchs, wo man sie nicht sieht.
Die weiblichen Tiere, die Fähen, stehen jetzt kurz vor der Geburt ihrer Jungen, im Normalfall sechs bis neun, manchmal können es deutlich mehr hungrige Mäuler sein. Im Spätfrühling/Frühsommer findet die Paarung statt. Hier gibt es eine Besonderheit, die so genannte Eiruhe, mit der Tierarten, die sich in dieser Jahreszeit paaren, aber eigentlich eine kurze Tragzeit haben, die Geburt des Nachwuchses ins kommende Frühjahr verlegen. Nach der Befruchtung der Eizellen teilen sich diese solange, bis sie aus etwa 200 Zellen bestehen. Diese Zellenhaufen schwimmen dann frei in der Gebärmutter. Erst nach zehn Monaten nisten sich die Zellen in der Gebärmutterwand ein und die eigentliche Tragzeit beginnt. Diese beträgt beim Großen Wiesel dann einen Monat. Der Nachwuchs ist lange sechs Wochen blind, fünf Wochen lang wird er gesäugt, ehe er zum ersten Mal feste Nahrung von der allein erziehenden Mutter erhält. Die Angaben in der wissenschaftlichen Literatur zu den Revieren der Wiesel schwanken ganz erheblich. Die Größenangaben reichen von zwei und drei Hektar pro Exemplar bis 40 Hektar für ein dominantes Männchen. Überschneidungen von Fähen- und Rüdenrevieren soll es geben. In der Wissenschaft wird dieses Verhalten mit dem Zungenbrecher „intrasexuelle Territorialität“ bezeichnet.
Das Große Wiesel ist sicherlich das am Häufigsten vorkommende Raubtier. Aber man sieht es kaum in freier Natur. Es gibt eigentlich nur Zufallsbegegnungen dort, wo sich das Wiesel absolut sicher und unbeobachtet fühlt. Die Fotos in diesem Bericht sind auf diese Weise zustande gekommen. Objekt der Begierde des Fotografen war eigentlich ein früh angekommener Storch in der vergangenen Woche. Dieser ließ das Fahrzeug auf mittlere Distanz herankommen, die Fotos waren schnell gemacht. Im Absetzen huschte die Kamera eine Grabenböschung entlang und es drang etwas flinkes Braunes ins Auge des Fotografen. Schnell scharf gestellt und ausgelöst, von den elf Fotos pro Sekunde gelangen drei.