Zehn Positionen im Dialog mit dem Betrachter

Neun der zehn Künstler Gina Gass, Emy Brennecke, Jürgen Friede, Rosemarie Gaede, Michael Kalter, Elke Wiechmann, Christophe Carbenay, Barbara Lütjen und Dirk Meußling stellten sich den Fragen der zahlreichen Besucher der Vernissage. (Foto: Anna Kentrath)
 
Michael Koch, Vorsitzender der Bürgerstiftung Isernhagen und Stefan Rautenkranz, Vorsitzender des „kunstverein burgwedel isernhagen“ bedankten sich bei NRD-Moderator Lutz Ackermann für eine gelungene künstlerische Einführung. (Foto: Anna Kentrath)

Mehr als 350 Besucher bei Vernissage der Ausstellung „Vorort“ im Isernhagenhof

ISERNHAGEN F.B.(ak). „Dialoge“ dominierten die Vernissage der Ausstellung „Vorort“, ein Kooperationsprojekt der Bürgerstiftung Isernhagen sowie des „kunstvereins burgwedel/isernhagen“ vergangenen Freitagabend im Isernhagenhof in Isernhagen FB. Drei Tage lang standen zehn verschiedene Positionen regionaler Künstler im Dialog mit interessierten Betrachtern.
„Am Anfang war eine Idee“, begann Stefan Rautenkranz, Vorsitzender des „kunstvereins burgwedel/isernhagen“ die Entstehung der Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung zu rekonstruieren, was folgten sei „Dialog, Zwiegespräch, Gedankenaustausch“ gewesen. Das gemeinsame Ziel swar, „die Kunst, den Künstler vor Ort“ zu unterstützen. Der Vorsitzende der Bürgerstiftung Michael Koch äußerte sich begeistert über diese erste Zusammenarbeit: „Einen besseren und kompetenteren Partner hätten wir nicht finden können“.
Um Dialoge ging es auch in der künstlerischen Einführung des bekannten NDR-Moderators Lutz Ackermann, der als Redner gewonnen werden konnte. Der ehemalige Student der Kunstgeschichte zeigte sich entsetzt darüber, dass ihm gegenüber immer wieder „gebildete Menschen anmerken, sie verstünden nichts von Kunst“, dies sei eine „resignative Bemerkung“, als verstünde man Kunst als „Geheimwissenschaft“. Wer Augen, Hirn und Herz besitze, könne Kunst subjektiv erfahren. Er wolle Mut machen „zur unbekümmerten Betrachtung“, so Ackermann, „seien Sie also neugierig, folgen Sie Ihrer Intuition, finden Sie zum Dialog mit dem Kunstwerk“, lautete sein Credo. Zehn verschiedene Positionen präsentierten sich an diesem Abend den Kunstinteressierten, von Skulpturen über Malerei, Zeichnungen, Fotografie und Objekte aus handgeschöpftem Papier. Auch wenn es sich um Künstler der Region handle, betonte Ackermann in seiner Rede, so „haftet ihnen jedoch gar nichts Regionales an“.
Ein faszinierendes Wechselspiel aus Material und Form, Licht und Schatten, Stofflichkeit und Räumlichkeit boten die Skulpturen von Jürgen Friede. Lutz Ackermann sprach so manchem Besucher aus der Seele, als er bedauerte, diese Kunstwerke nicht berühren zu dürfen, denn die glatte Oberfläche etwa der Stein-Skulptur strahlte eine anziehende Ruhe aus. Auch in Rosemarie Gaedes Malerei dominierte eine wechselvolle Spannung von Farbigkeit und Struktur. Als „glühende Lavabrocken“ bezeichnete Ackermann so treffend die akzentuierten Rottöne, die sich aus grauem Untergrund schälten und aus der Ferne den Anschein schwebender Würfel erweckten.
Den gedeckteren Farben hat sich Elke Wiechmann verschrieben, deren Malerei die Bandbreite von expressiv bis filigran ausfüllte. Mit Tusche schuf sie wolkige Leichtigkeit gegenüber verdichteten Flächen, die Entstehung einer Tiefenwirkung über die Struktur des Farbauftrages. Christophe Carbenays Werke aus Malerei, Zeichnungen und collagenartigen Versatzstücken luden zu „ausgiebigen Augenspaziergängen“, wie Ackermann festhielt. Die leichte Farbigkeit der Malerei setze sich kontrastreich von den dunklen, zarten Linien der figuralen Zeichnungen ab. Ein eindrucksvolles Utopia mit Liebe zur Linie sowie zum Detail offenbare sich dem Betrachter, sagte er.
Gina Gass‘ schemenhafte Figurationen spielten nun eher wieder mit dem Schattenhaften, Angedeuteten. Malerei, dem Duktus des Pinselstrichs Rechnung tragend, die ein Wechselspiel vom betrachtet werden und betrachten im Dialog mit dem Betrachter leben. Ein interessanter Gegensatz bildete hierzu die malerischen Fotoarbeiten von Dirk Meußling, der mit seiner Kamera Pinselstriche zu erzeugen schien. Dynamische Lichtreflexe und leuchtende Farben dominierten seine Bilder und hielten eindrucksvoll Bewegung in einer Momentaufnahme fest.
Barbara Lütjens handgeschöpften Papierarbeiten schufen den passenden Kontrast zu den malerischen Fotografien, in zartem Weiß, filigrane, gar textilartige Strukturen, leicht und zerbrechlich. Der „Meister der Schichtung“, wie Ackermann Michael Kalter titulierte, zauberte Assoziationswerke, die die Fantasie geradezu aufforderten. Feinste kontrastreiche Farbstrukturen, pastös, organisch, leuchtend zeugten von einem künstlerischen Schaffensprozess des Auf- und Abtragens.
Kunst muss nicht immer harmonisch wirken, wie die „glitzernde Leichtigkeit“, wie Ackermann Emy Brenneckes Objekte betitelte, an der Saaldecke hängende Astgabelungen in kristallenem Mantel, die das Licht einfangend zu schweben schienen. Nein Kunst kann auch „fremdartig, ein wenig unheimlich“, beinahe „verstörend“ wirken, wie der NDR-Moderator in seiner Einführung feststellte wie die „insektuiden Wesen“ Maria Fieseler-Roschats, die sie als Objekte aber auch in Bildern präsentierte. Organische, kraftvolle Welten stellten sich dem Betrachter provokativ entgegen, naturnah und ursprünglich.
Die Wirkung auf den Betrachter, der Dialog mit dem Kunstwerk war das Ziel der Ausstellung Vorort. Man solle nicht fragen „Was will der Künstler mir sagen“ stellte Lutz Ackermann in seiner Rede heraus, sondern vielmehr „Was sagt dieses Kunstwerk mir“. Intuitiv wahrnehmen so wie auch die musikalische Darbietung der Isernhägener Schülerin Michelle Brückner aufgenommen wurde, die zum Auftakt der Vernissage mit ihrem Gesang und Klavierspiel begeisterte.