WM-Achtelfinale: Public Viewing allerorten

Vor Schreck erstarrten nicht nur die Besucher des Fußballfestes der „Fuhrberg Boyz“ in der benachbarten Scheune, als der Ball ins Deutsche Tor ging. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Ruhe auf den Straßen - stattdessen Vuvuzelas und Jubelschreie

BURGWEDEL/ISERNHAGEN (hhs). Nachbar Horst hatte am Freitag Abend angerufen. „Am Sonntag Nachmittag wird es etwas laut bei uns, 60 Leute etwa kommen zum Achtelfinale. Es gibt Bratwurst und Kaltes“, sagte er. womit er eigentlich genau meinen Geschmack getroffen hatte. Aber auch bei uns war Public Viewing angesagt, natürlich das selbe Programm, mit Bratwurst, Steaks und kalten Getränken und Achtelfinale. Zudem mit dem beinahe neuen HDTV-Fernseher, der seine Indoor-Qualitäten nun auch auf der Terrasse beweisen sollte.
Doch nicht nur in Fuhrberg, auch in Wettmar, Thönse, Großburgwedel ebenso wie in Neuwarmbüchen und Isernhagen NB hatten sich zahlreiche Nachbarn, Freunde, Vereine und Institutionen zusammengefunden, gemeinsam das Achtelfinale Deutschland : England zu schauen.
Bereits um die Mittagszeit herum, ließen sich vereinzelt die ersten Vuvuzelas vernehmen. Auf den Straßen herrschte noch hektischer Reiseverkehr und hier und da schepperten die ersten Bierkisten. Pünktlich zum Anpfiff konnte man sich des Eindrucks eines Autofreien Sonntags nicht erwehren. Das fehlende „Hintergrundgeräusch“ fiel angesichts der Anspannung der Fußballfans nicht weiter ins Gewicht.
Das änderte sich schlagartig in der 20. Minuten. Unbeschreiblicher Jubel hallte über die Ortschaft. „Jaaaa, Klooose, und „Ihr könnt nach Hausen fahren...“, dann ein paar Stöße in die Vuvuzelas. Aber eines konnte man an diesem Nachmittag lernen: Vuvuzelas erfordern nicht nur Geduld bei den Zuhörern, sie fordern vor allem Kondition und Durchhaltewillen und ein gewisses Grundvermögen im Umgang mit Blasinstrumenten bei den Bläsern natürlich. Es soll allerdings durchaus schon Fälle gegeben haben, in denen das Getröte auf dem Trichterrohr als angenehmer empfunden wurde, als die Kommentare der Berichterstatter aus Südafrika.
Die Deutsche Mannschaft wurde immer besser, ihr Spiel sah selbst in Slow Motion noch elegant aus, und dann noch stärkerer Jubel: 2:0 durch Podolski. „Poldi hat sich jetzt wieder freigeschossen, der Nagel aus dem Kopf ist raus“, schallte es von allen Seiten.
Dann Schrei des Entsetzens – und Stille, „Der Anschlusstreffer von Upson“, hallte es aus dem Lautsprecher. Und kurze Zeit später war der Ball wieder im deutschen Tor und ebenso schnell wieder draußen. Kein Schiedsrichterpfiff, also kein Tor.
Dann war Halbzeit und nicht nur bei Nachbar Horst spielte die Duplizität der Ereignisse von Bloemfontain und Wembley keine Rolle. „Da müssen die durch, wir haben das damals auch geschafft und sind erst hinterher richtig groß und konstant im Fussball geworden“, sagte einer der Gäste. „Klar war der Ball im Tor, alle haben es gesehen. nur die Schiedsrichter nicht und die entscheiden nur, was sie wirklich gesehen haben, wie damals in Wembley“, grinste er. Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. „Und das sollte auch so bleiben,“ pflichtete ihm ein anderer bei. „Das gehört zur Faszination Fußball und verleiht ihm das gewisse Etwas, genau die Unwägbarkeit, die bei jedem Spiel das Salz in der Suppe sind.
Nach dem Spiel sorgte die Schiedsrichterentscheidung nicht nur in den Medien für heiße Diskussionen. Debattiert wurde nicht nur über den Gartenzaun hinweg, sondern auch beim Bäcker, an der Tankstelle und auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt eine Menge Leute, die den Standpunkt vertreten, moderne Technik könnte dabei helfen, derartige „Fehlentscheidungen“ zu verhindern. Das sei angesichts der Bedeutung eines WM-Spiels dringend zu fordern, und heute durchaus auch möglich, was die technische Umsetzung angehe. Seien wir doch mal ehrlich: Was alles wäre uns entgangen, wenn es das Wembley-Tor 1966 nicht gegeben hätte?