Von der „Zigeunersoße“ bis zum „Schwarzfahren“

Auf dem Podium (v.l.): die Moderatorin Parisa Hussein-Nejad (culture codes), Habib Eslami (Arbeitsgemeinschaft für Migranten und Flüchtlinge e.v.), Prof. Dr. Margarete Boos (Universität Göttingen), Nezi Begovic (Beratungszentrum für Integrations- und Migrationsfragen der AWO Hannover), Dr. Peyman Javaher-Haghighi (kargah e.v.). (Foto: Renate Tiffe)

Nach der Interkulturellen Woche in Burgwedel

GROSSBURGWEDEL (ti). Sagt die Zahl der Teilnehmer wirklich etwas aus über die Qualität und die Bedeutung einer Veranstaltung oder einer Veranstaltungsreihe? Unter diesem Gesichtspunkt allein wäre es nicht allzu gut bestellt um die zu Ende gegangene „Interkulturelle Woche“ in Burgwedel. Und doch: die Gleichstellungsbeauftragte Sandra Ahnen und Ebru Göller von der Verwaltungsleitung haben mutig und mit großem Elan ein Thema aufgegriffen, das in Burgwedel wahrscheinlich deshalb noch nicht zum Problem geworden ist, weil die Stadt so gut situiert ist.
897 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben in Burgwedel, 726 mit doppelter Staatsangehörigkeit. Dazu kommen die vielen Bürgerinnen und Bürger, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben und die von keiner Statistik mehr extra erfasst werden. Unschwer lässt sich errechnen, dass der Anteil der ortsansässigen Migranten sich der Zehn-Prozent-Marke nähert. Die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem syrischen Bürgerkrieg hat die Stadt bereits angeboten. Die stellvertretende Stadtbürgermeisterin Birgit Diers hat bei der Begrüßung zur Eröffnung der Interkulturellen Woche auf ihre unnachahmlich persönliche Art die Dinge auf den Punkt gebracht. Wichtig sei das gemeinsame Ziel: „Wir alle miteinander wollen unsere Kinder großziehen und uns wohlfühlen in Burgwedel.“
Mit Kritik aufgenommen wurde der erste Vortrag des Themenabends „Rassismus entsteht im Kopf – Offenheit auch“. Das Referat von Dr. Peyman Javaher-Haghighi, Wissenschaftler iranischer Herkunft, kam im wesentlichen an als eine Aufzählung von dem, was wir alles an Vorurteilen hegen und entsprechend falsch machen. Seine Anmerkungen zum Begriff „schwarz“ forderten eine Erwiderung heraus. Noch mehr galt das für seine Ausführungen, dass es eine Fehlentwicklung sei, die deutsche Sprache mit Integration gleichzusetzen sei. Im Pausengespräch wandte sich die Ratsvorsitzende Ortrud Wendt vehement gegen diese Einstellung. Die Sprache sei schließlich das Werkzeug, aus dem sich alles Weitere entwickeln könne.
In der Podiumsdiskussion nach der Pause äußerte sich Dr. Isa Huelsz zu der Gedankenverbindung „schwarz = illegal“. Das urdeutsche Wort werde in der Kombination „Schwarzfahren“, „Schwarzer Tag“ oder „Schwarzmalen“ ohne jede rassistische Absicht angewandt. Vieles werde als Rassismus gedeutet, ohne dass es gefühlt, gesagt oder gedacht werde, stellte die FDP-Politikerin heraus.
Ohnehin ging es auf dem Podium zuviel um solche Empfindlichkeiten, etwa wenn Nezir Begovic „versöhnlich“ meinte, dass die bekannte „Zigeunersoße“ sprachlich auch anders dargestellt werden könnte. Oder wenn die Moderatorin Parisa Hussein-Nejad es als Missachtung deutete, wenn ausländische Namen nicht richtig ausgesprochen werden.
Die Göttinger Professorin Dr. Margarete Boos arbeitet seit 13 Jahren an Trainingsmethoden, mit denen das normale menschliche Verhalten in aktive Hilfe umgesetzt werden kann. Ihr Kernsatz lautete, dass Zivilcourage nicht angeboren ist, sondern erlernt werden kann. Die Wissenschaftlerin riet opferbezogen und in kleinen Schritten vorzugehen, statt Heldentaten vollbringen zu wollen. Zur allgemeinen Diskussion sagte sie, dass Kinder sehr offen sind für das Zusammenleben und dass die Schulen, vor allem die Grundschulen die Institutionen seien, wo viel Grundlegendes zu schaffen wäre. Diese waren aber bei der Veranstaltung nicht vertreten.