Vergnügliche Gästeführung in Großburgwedels Innenstadt

Und dann erschien die Gemahlin des Amtsvogts, fertig zur Ausfahrt – Ingrid Klingenberg in großer Robe. (Foto: Renate Tiffe)

Historie und Histörchen unterhaltsam präsentiert

GROSSBURGWEDEL (ti). Vor mehr als zehn Jahren hat die Burgwedelerin Ingrid Klingenberg zusammen mit dem Schauspieler Rainer Könnecke in Hannover die sogenannten Altstadtrundgänge kreiert, szenische Darstellungen aus der Geschichte der Stadt. Im Rahmen der Stadtführungen vor Ort lädt sie nun seit 2008 zweimal im Jahr auch in Großburgwedel zu dieser Art Zeitreise ein, die vom 12. bis ins 18. Jahrhundert reicht. „Amtsvögte, Pastoren, Bierbrauer und Co“ lautet das Motto - ein schöner Beitrag zu Burgwedels Stadtkolorit.
Mit von der Partie sind die ehemalige Lehrerin Gesa Foese, die zur Gitarre zwischendurch mit zeitgemäßen Liedern aufwartet, und der als Gästeführer ausgebildete Kai Klingenberg. Ergänzt wird das Quartett jeweils durch einen Bauern-Darsteller. Bei der jüngsten Führung hat Großburgwedels ehemaliger Ortsbürgermeister August Gerns diese Rolle übernommen.
Das älteste Bauwerk der Stadt ist der Turm der St. Petri-Kirche, erbaut im 12. Jahrhundert. Die kostümierten Gästeführer halten sich nun nicht mit allzu viel Einzelheiten aus der Baugeschichte der Kirche auf (dafür gibt es besondere Führungen, die Kirchenkenner von Stackelberg von Zeit zu Zeit anbietet). Sie greifen ein markantes Kapitel religiöser Entwicklung heraus, den Übergang vom Katholizismus zur Reformation - Gelegenheit zu einer polternden Darstellung all der Schwierigkeiten, denen der damalige Pastor Baxmann sich ausgesetzt sah. Ein wenig überzog Schauspieler Könnecke dabei diesmal, so dass sich einzelne Gäste der Führung fast persönlich angesprochen fühlten. Aber die wortreichen Klagen über seine erste protestantische Predigt („ und das auch noch in Hochdeutsch, was sowieso keiner versteht“), die Öffentlichkeit der Beichte, die Abkehr von den Heiligen und der „Geldsammelei“ des Papstes und letzten Endes auch die vom Zölibat versöhnten Pastor und (Gäste-)Gemeinde so dass zum Schluss das gemeinsame Lied „Lobe den Herren“ angestimmt werden konnte.
Weiter ging`s zum Amtsgericht, dem Sitz der ehemaligen Amtsvogtei, wo Bierbrauer Broomes Bartels, alias Kai Klingenberg, seinen großen Auftritt hatte. Er konnte gar nicht genug erzählen von der jahrhundertealten Brautradition im Ort, von der Zusammensetzung des Bieres und der Einhaltung der Regeln bei der Braukunst – bis sein oberster Dienstherr, der Amtsvogt Ludolph Henning von Eltz, auftauchte und nach den Geschäften fragte. Dieser erzählte nun seinerseits von dem „ewigen Papierkram“, mit dem er sich in seiner Amtsfunktion zu befassen habe, wo er doch eigentlich „ein Mann der Tat“ sei, Teilnehmer an drei Kriegen und Verhandler bei mancher Konferenz. Der Bauer Tegtmeyer (Augst Gerns) kam hinzu, um noch die Sache mit dem Kerbholz zu klären. Und dann erschien die Gemahlin des Amtsvogts, fertig zur Ausfahrt – Ingrid Klingenberg in großer Robe. Es gab charmante Wortgeplänkel über den Geist von Leibniz und den der Damen bis die hohe Dame schließlich feststellte, dass es ein so warmer Tag sei und die anwesenden Gäste sicher Durst hätten – worauf Broomes Bartels seinen Biervorrat, meist in form von Apfelschorle, herausrücken musste, was eigentlich erst bei der nächsten Station der Führung vorgesehen war. - Es machte den Reiz dieses Gästerundgangs aus, dass zwischendurch auch nonchalant improvisiert wurde. Die jahrelange Erfahrung ließ keine Defizite in der Darstellung erkennen.
Frisch gestärkt und frohgemut ob dieser vergnüglichen Gästeführung konnten die Teilnehmer sich dann dem ältesten Haus von Großburgwedel zuwenden, dem malerischen Zweiständehaus in der Dammstraße – endlich auch Gelegenheit für den Bauern Gerns, seine Geschichtskenntnisse darzutun.