Tierzählung im heimischen Revier begann in Niedersachsen

Rebhühner werden wegen der besonderen Vereinbarungen der Jäger zur Bestandsverbesserung nicht gezählt. Es ginge auch nur bei durchgängiger Schneedecke. Sonst sind die Rebhühner kaum zu sehen. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Nilgänse sind in Deutschland Neubürger und haben zumindest in Niedersachsen stabile Bestände entwickelt. Ihre Bejagung wird empfohlen, weil die Bestände stark zunehmen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Sicheres Zahlenmaterial wird Grundlage der Bejagung

WEDEMARK. Viele Wildarten müssen reguliert, sprich bejagt werden, damit die Bestände sich nicht zu Überpopulationen entwickeln und gesund bleiben und land- und forstwirtschaftliche Schäden vermieden werden. Die Wildtiere genießen bis zu ihrer Erlegung ein natürliches, vom Menschen weitestgehend unbeeinflusstes selbst bestimmtes Leben. Wildbret ist gesund und äußerst schmackhaft. Aber auch weniger zu Schaden gehende Wildarten können nachhaltig bejagt werden, wird erst dadurch, weil nicht so häufig, ihr Wildbret zur Gaumenfreude. Nachhaltig jagen heißt, dass nur das genutzt wird, was auch langfristig nachwächst. Berücksichtigt wird dabei die so genannte „natürliche Sterblichkeitsrate“.
Streckenergebnisse erlauben nur einen eingeschränkten Aussagewert. Beim Schwarzwild, Marderhund oder Waschbär mit der einhergehenden intensiven Bejagung sagen Streckenvergleiche über mehrere Jahre sehr wohl etwas über die Bestandesentwicklung aus. Aus den Abschusszahlen dieser Wildarten lässt sich ableiten, ob sie landesweit oder regional zu- bzw. abnimmt.
 Beim Rebhuhn mit einer sehr zurückhaltenden beziehungsweise ausbleibenden Bejagung sagt die erlegte Anzahl nichts aus. Zumal bei dieser Wildart Niedersachsens Jägerinnen und Jäger sich verpflichtet haben, diese nur dort zu bejagen, wo mindestens drei Brutpaare auf 100 ha als Frühjahrsbestand vorhanden und gemeldet sind.
 Um mit verlässlichen Bestandszahlen arbeiten zu können, die einer wissenschaftlich Prüfung standhalten, hat das Institut für Wildtierforschung an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover noch unter der Leitung von Professor Pohlmeyer aus der Wedemark mit der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) gemeinsam als erste in der Bundesrepublik die Wildbestände gezählt. Dieses Institut lässt jährlich landesweit durch die Jäger Wildbestandszählungen durchführen, die auf Vordrucken detailliert erfasst.
Die Wildtiererfassung läuft seit 1991, die Beteiligung steigt jährlich und liegt inzwischen bei 89 %. Das Durchbrechen der Schallmauer von 90 % erfolgt hoffentlich in naher Zukunft. Über 8.000 Reviere landesweit nehmen an dieser freiwilligen Aufnahme teil. Am Anfang hatte niemand mit dieser außerordentlich hohen Beteiligung gerechnet. Niedersachsens Jägerinnen und Jäger haben aber sehr schnell erkannt, dass nur hierüber verlässliche Zahlen ermittelt werden können.
Zahlen müssen natürlich belastbar sein, sonst sind sie unglaubwürdig. Ein unabhängiges Braunschweiger Unternehmen prüft stichprobenartig in wechselnden Revieren die Angaben der Jäger. Das Ergebnis der Überprüfungen ist überraschend: die Zählungen der Jäger sind etwas zu niedrig, die überprüften Bestandszahlen liegen über den ermittelten.
Jäger sind so die Einzigen, die flächendeckend diese Aufnahmen durchführen können, weil sie landesweit auf einer Fläche von über vier Millionen Hektar die Jagd ausüben. Nur auf diese Weise kann belegt werden, wo eine Wildart vorkommt und ob der Bestand eine Bejagung zulässt.
Das von fast 60.000 Jägerinnen und Jägern erstellte Zahlenwerk erleichtert jede Diskussion mit Kritikern. Diese Zahlen werden nicht nur stumpf gesammelt und abgelegt, sondern sie werden wissenschaftlich aufgearbeitet. Finanziert wird die Auswertung mit Mitteln der Jäger, die sie beim Lösen des Jagdscheines mit der so genannten Jagdabgabe zur Förderung des Jagdwesens abführen. Hiermit werden weitere Untersuchungen finanziert, die im Übrigen in vergleichbarer Situation an anderer Stelle im Gegensatz hierzu ausnahmslos vom Steuerzahler finanziert werden.
Zunehmende Wildarten sind in Niedersachsen sicherlich die Ringeltaube, die Stockente, die Grau-, Saat- und Blässgans, der Fuchs, der Dachs, die Schalenwildarten Rot-, Dam-, Schwarz- und Rehwild und die Neozoenen Waschbär, Marderhund und Nilgans. Abnehmende Bestandszahlen verzeichnen das Rebhuhn und das Kaninchen.  
Die Wildtiererfassung diente anfangs der Ermittlung der Bestandszahlen. Durch die wissenschaftliche Aufarbeitung ist sie heute die Basis für das Management, für die Hege des Wildes. So wird ebenfalls Information zu nicht bejagten Wildarten und Tierarten, die nicht dem Jagdrecht unterliegen, abgefragt. Auch der Konkurrenzkampf auf der Fläche zwischen den NAWAROS (nachwachsenden Rohstoffen) und den Wildäckern und Brachen wird hinterfragt. Ebenso wird die Einschätzung der Jäger zum Schwarzwild mit den ihrer Meinung nach erforderlichen Maßnahmen zur Verringerung ihrer explosionsartigen Reproduktionsrate von annähernd 300 % ermittelt.
Auf einer Niedersachsenkarte werden die unterschiedlich hohen Dichten der verschiedenen Wildarten farblich dargestellt. So sind mit einem Blick die Hochburgen und die Senken erkennbar. Die seit 19 Jahren in Niedersachsen betriebene zukunftsorientierte Wildtiererfassung wurde inzwischen auf die gesamte Bundesrepublik ausgedehnt, um so nationalen und internationalen Forderungen aus Berlin bzw. Brüssel gerecht zu werden. An diese dachte mit Schaffung dieses neuen Instrumentariums damals noch keiner.
Folke Hein