Storchenpaar auf dem Amtsgericht Großburgwedel

Am Mittwochvormittag war es endlich soweit: Der Baustellenlärm hielt sich in Grenzen und Meister Adebar hielt sich länger auf seinem Nest auf. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Künstlicher Nestunterbau nach nur fünf Wochen angenommen

GROSSBURGWEDEL (hhs). Am vergangenen Samstag klingelte abends das Telefon bei den Burgwedeler Nachrichten: Jürgen und Anja Veth hatten spät noch einen Spaziergang durch Großburgwedel gemacht und dabei beobachtet, dass oben auf der Nisthilfe auf dem Amtsgericht ein Storchenpaar stand. Am nächsten Vormittag bei besten Lichtverhältnissen ließ sich allerdings keiner der beiden Adebare blicken. Eigentlich schade, denn Großburgwedel mit seinem vielen Grünland kann ein Storchenpaar samt Nachwuchs sicherlich gut ernähren. Der Storchenansitz von den Sesseln aus, die am Eingang des Amtsgerichtes standen, endete nach etwa einer Stunde am Sonntagvormittag, aber nicht ohne Ergebnis: Am Sonntag hatte der NABU zur Stunde der Gartenvögel gebeten, und in dieser Beziehung gab es dann dort eine ganze Menge zu erleben.

Der abwechslungsreiche Reigen der Gartenvögel begann mit fünf Türkentauben, gefolgt von ein paar Ringeltauben, Kohlmeisen, etwa zehn Buchfinken beiderlei Geschlechts, sechs Grünfinken, ebensoviele Schwarzdrosseln, nur zwei Spatzen, einem Buntspecht und zwei Wachholderdrosseln. Zwei Rabenkrähen balzten auf dem First des Amtsgerichtes, eine Elster spähte von hoher Warte die Nester der Arten aus, die in den Bodendeckern der Beete versuchen, ihren Nachwuchs groß zu ziehen. Obendrein verirrte sich eine Dohle vom St. Petri Turm dorthin. Zwei Zeisige gaben sich auf der Eingangsstufe des Gerichts die Ehre. Das waren immerhin 13 Arten, die innerhalb dieser knappen Stunde beobachtet wurden. Am Nachmittag passte es sich mit einem weiteren Storchenansitz gut. Die Beobachtung fand vom gleichen Platz aus statt. Ein Blick auf das Dach neben der Nisthilfe bewies: Adebar war zwischendurch dort oben gewesen, neben den drei weißen Kotwürfen auf den Ziegeln, die am Morgen schon dagewesen waren, befand sich nun ein vierter. Aber der Storch zeigte er sich nicht mehr. In der nächsten halben Stunde neben vielen guten Bekannten vom Vormittag mehrere Blaumeisen, ein Kleiber und zwei Hohltauben.

Am Montagvormittag meldete sich Horst Hagenberg vom NABU: „Die Störche schaffen Nistmaterial aufs Amtsgericht“, freute er sich. NABU-Mitglied Rainer Hartmann war morgens am Gericht gewesen und hatte das beobachtet. Gegen 9.30 Uhr bezog der Beobachter seinen Posten aufs Neue. Kein Storch ließ sich blicken, aber von der Straße drönhte der Lärm von Baumaschinen herüber, unüberhörbar und störend. Nach einer halben Stunde kam ein Justizbeamter aus dem Gericht. Er lächelte, dem Beobachter kam es etwas wie Mitleid vor, denn auf dem Drahtsessel war es hundekalt und der Wind zog sehr. „Warten Sie auf den Storch?“, fragte Jens Hübenthal freundlich. „Heute morgen habe ich einen Storch am Boden im Amtspark gesehen, und später beide auf dem Nest. Die haben sich sogar in luftiger Höhe auf dem Nest gepaart“, freute er sich. Dann aber verfinsterte sich seine Miene etwas: „Sofort als der Lärm von der Baustelle begann, sind die beiden verschwunden“.
Ein weiterer Beobachtungsversuch am Nachmittag wurde wegen schlechten Wetters abgebrochen, aber er hatte auch sein Gutes: Auf dem Weg zum Fahrzeug traf der Beobachter eine Bekannte aus Fuhrberg, Ina Heinrich, auch Angestellte der Justiz am Amtsgericht. „Suchst Du den Storch?“, frage sie und erzählte im gleichen Atemzug, dass sie die beiden Großvögel auch gesehen hatte, morgens sehr früh. Sie würde anrufen am kommenden Morgen, wenn die Störche wieder da sein sollten. Ina rief aber nicht an. Dennoch folgte ein weiterer Versuch, ein Foto zu machen, am Dienstag Nachmittag. Wieder kein Storch aber ein Grünspecht immerhin und eine herrlich gefärbte Singdrossel und einige Rauch- und Mehlschwalben.
Schließlich am späten Mittwochvormittag die Erlösung: Ina rief im Verlauf des Vormittags an, ein Storch stehe auf dem Nest. Zehn Minuten später war der Beobachter vor Ort: Da stand Meister Adebar in voller Pracht und sortierte mit seinem roten Schnabel das Reisig im Nestunterbau, das das Storchenpaar in den ersten Tagen schon herbeigeschafft hatte. Der zweite Storch ließ sich allerdings nicht blicken. Jens Hülpenthal kam wieder vorbei und freute sich. „Hoffentlich findet sich noch ein Partner“, wünschte er sich. Nicht ohne Grund, denn von seinem Küchenfenster aus hat er einen tollen Blick auf das Nest.
Es ist alles in allem eine außergewöhnliche Geschichte: Wie berichtet wurde die Nestunterlage erst Anfang April erneuert. Niemand hatte damit ernsthaft gerechnet, dass der Neubau schon im ersten Jahr von Störchen angenommen werden würde. Seit 28 Jahren wurde dieser Nistplatz von den Adebaren ignoriert, und nun sind sie wieder da. Hoffentlich wird auch der Rest der Geschichte gut verlaufen, es ist den Burgwedelern und den Störchen zu wünschen. Ein Storchenpaar auf dem Dach ist immerhin auch ein Glückssymbol. Allen, die mitgeholfen haben, dass diese Fotos zustande kamen, sei von Herzen gedankt. Und eines wurde dabei auch klar: Das Amtsgericht Großburgwedel ist nicht nur ein architektonisches Kleinod, es ist auch eine Oase für stolze 21 Gartenvögelarten.