„Sie betrachten die Welt anders, mit offenen Augen“ – und sie ist grün

In der grünen Welt: (v. l) Nina Lemke-Holst, Cordula Göttker (mit Bild), Claudia Deichmann und Jasmin Alicajic. (Foto: Svenja Steinseifer)

Durchweg positives Feedback für „Finissage Farbwelten“ im Rathaus Großburgwedel

GROSSBURGWEDEL (svs). Diese Kunst folgt weder einem Modetrend noch einer Einheitsstrategie. Bunt, emotional, nachdenklich, spannend – individuelle Emotionen liegen diesen Werken zugrunde. Wie bei Cordula Göttker. „Ich mag Bäume“, sagt die geistig beeinträchtigte Künstlerin. Und strahlt vor Freude. Über das ganze Gesicht, über die „Finissage Farbwelten“ und vor allem – über sich selbst.
Eine Vernissage sei ein Begriff, aber eine Finissage? „Es ist der feierliche Abschluss einer Veranstaltung“, erklärt Nico Lauerwald von der Pestalozzi-Stiftung. 21 kreative, geistig beeinträchtigte Köpfe tupften, bürsteten und pinselten ihre Emotionen auf Papier. Zwischen den Grußworten des Bereichsleiters für Menschen mit Behinderungen Lauerwald wird die „Finissage Farbwelten“ am vergangenen Mittwoch immer wieder von freudigen Juchzern unterbrochen. „Sie freuen sich wahnsinnig“, weiß Künstlerin Nina Lemke-Holst. Zusammen mit Claudia Deichmann, Mitarbeiterin der Stiftung, betreute sie die Nachwuchs-Künstler während des 10-wöchigen Projekts.
„Wir haben etwas mit Tusche gemacht“, erinnert sich Cordula Göttker, „und mit Bürsten und Glas.“ Zum ersten Mal nahm Göttker an dem Malprojekt teil – und ist begeistert. „Die Freude über das Entdecken ist wahnsinnig groß“, sagt Lemke-Holst, noch immer sei sie beeindruckt von der Begeisterungsfähigkeit der Teilnehmer. „Sie betrachten die Welt ganz anders, mit offenen Augen“, erzählt die Textildesignerin. Claudia Deichmann weiß, dass mit dem Spaß auch eine Herausforderung und ein Lernprozess einhergehen. „Sie müssen gewisse Grenzen überschreiten, offen werden“, sagt Deichmann. Um eine Emotion auf Papier zu bannen.
Künstler Jasmin Alicajic sei verbal stark eingeschränkt. Er könne nicht sagen, was er am liebsten mag. Aber er kann es malen. Sein Bild ist nicht knallbunt, es ist technisch. Strukturiert. Erst während des Projekts sei er aufgefallen, sein „Faible für Maschinen“. „Er hat die ganze Zeit nur Maschinen gemalt“, sagt Deichmann. So habe auch Claudia Deichmann ihre Bewohner noch besser kennen gelernt, besser als ohnehin schon. Claudia Göttkers Welt ist grün. Knallgrün, schattig. „Es hat ganz viel Spaß gemacht“, sagt sie und deutet auf ihr Bild. „Ich mag den Wald.“
„Als wir angefangen haben, hingen ein paar schwarz-weiße Postkarten in der Stiftung an der Wand“, erinnert sich Lemke-Holst. Trist habe es ausgesehen. Bunt, streckenweise chaotisch, mal fröhlich, mal nachdenklich wirken die „Farbwelten“ der Künstler jetzt. Weiter in das Bewusstsein der Öffentlichkeit wolle die Pestalozzi-Stiftung ihre Hobby-Künstler und generell Menschen mit Beeinträchtigungen rücken. „Damit fängt es ja schon an“, sagt Nina Lemke-Holst auf dem Weg zur oberen Etage, „damit dass sie die Treppe teilweise nicht hinaufkommen.“
„Es ist wirklich eine Arbeit von der ich immer mit einem Lächeln nach Hause komme“, betont Lemke-Holst, „weil es so beglückend ist!“ Für beide Seiten. Raus kommen, seine Bilder im Rathaus hängen zu sehen – „Eine bessere Wertschätzung kann es doch gar nicht geben!“, betont Deichmann. Auch Cordula Göttkers Eltern seien stolz auf ihre Tochter. Die weiß schon jetzt, was sie das nächste Mal malen möchte. Und sie strahlt dabei. Mit den Fingern zeichnet sie einen Flügel in die Luft. „Einen Schmetterling.“ Zwischen den Bäumen. Ein Pferd sei ihr noch zu schwer.