Schlechte Ernte: Auch im Jahr 2012 werden die Bierpreise steigen

Innerhalb weniger Stunden verschwand das Gerstenfeld im Juli im Schlund des Mähdreschers. Nun müssen Laboruntersuchungen klären, ob der Landwirt das Kunststück gelungen ist, Braugerste zu produzieren. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Wenig Hopfen und wenig Braugerste

REGION/BURGWEDEL (hhs). „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s: im kommenden Jahr werden die Bierpreise steigen“. Wer sich erinnert, wird mit schöner Regelmäßigkeit diese oder ähnliche Schlagzeilen vor Augen haben. Begründet wird diese Preissteigerung in den allermeisten Fällen damit, dass die Gerste als einer der drei Grundstoffe des liebsten kühlen Getränkes der Deutschen wieder einmal die Erwartungen der Landwirte nicht erfüllt hat. In diesem Jahr ist der Ablauf leicht verändert: Bereits im Juni haben die Hopfenproduzenten in Bayern, dem Kerngebiet des Deutschen Hopfenanbaus, eine schlechte Ernte für 2011 angekündigt.
Probleme gibt es aber auch mit der Gerste, die zu Malz weiter verarbeitet wird Dieses Getreide wird als Braugerste bezeichnet und wird ausschließlich aus Sommergerste gewonnen. Sie gilt als „100-Tage Getreide“, was nicht anders bedeutet, dass von der Aussaat bis zur Ernte nur um die 100 Tage vergehen. Sie ist in aller Regel das erste Getreide, das gemäht und gedroschen wird, in Normaljahren meistens in der zweiten Juliwoche. Doch in diesem Jahr hat die Wetterlage den Landwirten und Brauern früh einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Frühjahr war viel zu trocken, die Ähren haben nicht so wie in Normaljahren die Körner ausgebildet, in vielen Fällen diese Gerste allenfalls noch die Qualität von Futtergetreide.
Außerdem gilt die Produktion von Braugerste in der Landwirtschaft als kleine Kunst, denn das Korn muss über genau definierte Eigenschaften verfügen: Der Eiweißgehalt muss zwischen 9,5 und 11,5 % liegen gegenüber den normalen 14% bei Gerste. Der geringere Eiweißgehalt führt dazu, dass der Anteil der Stärke im Korn auf 63% erhöht. Und die Stärke ist die wichtigste Grundlage, da sie im späteren Maischprozess zunächst zu Maltose, später beim Brauen zu Alkohol und Kohlensäure abgebaut wird. Ein weiterer Vorteil des niedrigen Eiweißgehalts liegt darin, dass das Bier später über weniger Schwebstoffe verfügt und klarer ist. Der Landwirt kann diese Getreidequalität beeinflussen, indem er gezielt sparsame Stickstoffdüngung einsetzt.
Darüber hinaus muss die Braugerste eine Mindestkeimfähigkeit von 97% aufweisen, da zum Mälzern nur keimende Körner geeignet sind. Weitere Vorgaben für das Qualitätsmerkmal „Braugerste“ sind Größenvorgaben für das Korn und ein Feuchtigkeitsanteil von höchsten 14,5 %. Gerste, die diesen Standard nicht erreicht, kann allenfalls zu Futter, Frühstücksflocken oder Graupen verarbeitet werden.
Also wird die Braugerste als beste Qualität auf dem Markt teuer werden, teurer jedenfalls als im vergangenen Jahr, in dem die Ernte ebenfalls schlecht ausfiel. Zwei Jahre mindere Qualität hat ihren Preis. Zumal schon Anfang Juni der zweite große europäische Gerstenproduzent Frankreich von Ernteverlusten von 35% gesprochen hat. Damit würde unser Nachbarland als strategischer Lieferant ausfallen, weil es selbst auf Importe angewiesen sein wird. Auch in England werden dramatische Ernteeinbrüche erwartet.
Aber dennoch ist die Situation in Deutschland etwas entspannter: In diesem Jahr wurden mit insgesamt 420.000 Hektar auf rund 20% mehr Fläche Gerste bestellt. Der Raiffeisenverband geht in seinen jüngsten Veröffentlichungen davon aus, dass hier zwar auch weniger Braugerste auf den Markt kommen wird, aber nicht in der Höhe der Ernteeinbrüche in Frankreich und Großbritannien.
Die Börsen reagieren schon deutlich, es gibt Superpreise für Super-Getreidequalitäten, und die zahlt „am Ende der Nahrungskette“ bei Brot, Brötchen, Bier immer der Verbraucher. Diesen Kreislauf kennen wir schon, weil in der Vergangenheit häufig erlebt, eigentlich ist nur noch die Höhe der zu erwartenden Preissteigerungen vakant. Die Landwirtschaftlichen Bundes- und Landesverbände deuten die Steigerungen vage an, weil noch zu wenig Erntemasse vorhanden ist, die Brauereien halten sich ebenfalls damit zurück, sie wollen sich nicht vorzeitig zu weit aus dem Fenster hängen, zumindest nicht vor den Bauernverbänden. Nur eines ist klar: Die Getreideanbauer werden weniger Geld für ihre Erträge erhalten, die Verbraucher, müssen dafür die Zeche zahlen, wie in jedem Jahr, und auch wie in jedem Jahr, ein bisschen mehr...