Rettungsaktion für die Altargruppe in der St. Petri-Kirche

Dr. Ulrich von Stackelberg schaut sich an, wie Thekla Hübner-Ohsiek oben auf der Leiter die Holzwurmlöcher am Arm des Johannes mit Hausenblasenleim verfüllt. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Der helle Bereich links von den vier Buchstaben „INRI“ musste gekittet werden. Am unteren Rand sind deutlich noch Holzwurmlöcher zu sehen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Restauratorin beseitigt alte Fraßschäden des Holzwurms

GROSSBURGWEDEL (hhs). Seit etwa drei Wochen ist die Restauratorin Thekla Hübner-Ohsiek dabei, in der St. Petri-Kirche in Großburgwedel die Figurengruppe auf dem Altar und die Kanzel vor weiterem Zerfall zu bewahren. Insbesondere die drei Figuren auf dem Altar, den gekreuzigten Jesus, links von ihm Maria und rechts Johannes weisen Altschäden eines Befalls durch Schadinsekten auf. Die drei Figuren sollen um 1641 von dem Holzschnitzer Berndt Lüllmann in Celle geschnitzt worden sein. Die 360 Jahre sind offenbar nicht ganz spurlos an ihnen vorbei gegangen.
Man nennt diese Schädlinge allgemein aber dennoch vollkommen verkehrt „Holzwürmer“, denn zur Gruppe der Würmer gehören die kleinen Verursacher der Löcher im Holz nicht. Es sind Larven von Insekten, die sich in diesem Falle in das Holz gefressen und damit richtige Gänge in das Material gefressen haben. Das Larvenstadium, das alle Insekten im Verlauf ihrer Verwandlung vom Ei zum neuen Insekt durchmachen, gilt als die Zeit im Leben dieser Tiere, in der sie am gefräßigsten sind. Und das Weichholz, aus dem die Figuren geschnitzt worden sind, wahrscheinlich Linde oder Pappel, mundet ihnen auch in der freien Natur ausgesprochen gut.
Dr. Ulrich von Stackelberg, der die Geschichte der St-Petri-Kirche so gut wie kein zweiter kennt, weiß, dass die Figurengruppe schon einmal 1955/56 restauriert worden ist, ehe sie ihren heutigen Platz auf dem Altar fand. Schon damals sei der Befall festgestellt worden und man habe dagegen auch etwas unternommen. Später auf dem Altar ist immer wieder eine mehlige Substanz gefunden worden, ein sicheres Zeichen dafür, dass der „Holzwurm“ hier sein gefräßiges Handwerk ausgeübt hat. Aber wenn das Mehl erst aus der Figur rieselt, dann ist der Verursacher in aller Regel schon lange nicht mehr da. Er hat sich weiter verpuppt und ist dann als fertiges Insekt entfleucht. Der Vorgang ist ganz einfach zu erklären: Die Larve frisst sich in das Holz und scheidet hinten die Reste wieder aus. Der Kot zerfällt irgendwann zu „Mehl“und rieselt.
Dass eine Restaurierung notwendig wurde, habe man erkannt, als das Schild mit der Inschrift „INRI“, Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jesus von Nazareth König der Juden), das oberhalb des Hauptes des Gekreuzigten angebracht war, beinahe auseinanderfiel, so Dr. von Stackelberg. Dort war ein Teil des Materials herausgebröckelt, so stark hatte der Holzwurm zugeschlagen. Thekla Hübner-Ohsiek hat die Lücke unterdessen mit Kitt geschlossen. Sie ist nun dabei, die vielen hundert Löcher des Unholdes zu verfüllen. Dazu benutzt sie „Hausenblasenleim“,. Hausen ist die alte Bezeichnung für den heute in Deutschlands Flüssen selten gewordenen Stör. Aus der Schwimmblase dieses Fisches wird dieser Leim hergestellt. Er hat genau die richtigen Eigenschaften für diesen Verwendungszweck, sagt sie. Er ist ziemlich flüssig, hat darüber hinaus die Eigenschaft, nicht ganz durchzuhärten und er unterwandert lockeres Umgebungsmaterial um das Loch. So verfüllt er dieses nicht nur, sondern hält auch die Umgebung zusammen. Mit einem Pipetten ähnlichen Werkzeug geht sie an die Arbeit, Loch für Loch verfüllt sie vorsichtig. Zuvor musste die Restauratorin noch „Gebrauchsspurren“ an den sakralen Figuren beseitigen: Das Ruß der Altarkerzen und auch Wachsspritzer. „Die Wachsspritzer fanden sich beim gekreuzigten Jesus bis etwa an die Ellenbogen“, berichtete sie.
Die Restauratorin ist sich sicher, dass sich in dem Holz keine weiteren Larven mehr befinden. Es sei zu trocken in der St. Petri-Kirche, sagt sie, wahrscheinlich sei der Fraßschaden schon vor der letzten Restauration der Figuren in den Fünfzigren aufgetreten. Damals haben die Figuren auf einem starken Querholz gestanden, das sich in dem Bogen des jetzigen Altarraums befunden hat. Zu der Zeit erhielt St. Petri neben anderen Veränderungen auch eine Heizungsanlage und seitdem ist das Kirchenklima einfach für die kleinen gefräßigen Unhold zu trocken.
Auch die Kanzel hat Thekla Hübner-Ohsiek wieder restaurieren müssen. Es sind Gebrauchsspuren gewesen, die zu beseitigen waren, aber nicht von den Pastorinnen und Pastoren der Gemeinde, sondern von den Besuchern, die die Schmucksäulen, die sich genau über der Treppe zum Altar befinden, als Geländer benutzt haben.