„Qualität setzt sich durch“: Die Europäische Lärche ist Baum des Jahres 2012

Gewaltige alte Lärche mit einem Stammdurchmesser von mehr als 70 Zentimetern und etwa 35 Metern Höhe im Sprillgehege zwischen Fuhrberg und Großburgwedel. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Die Lärchen erobern gegenwärtig das norddeutsche Flachland

REGION/BURGWEDEL (hhs). Jedes Jahr im Herbst setzt sich das Kuratorium Baum des Jahres zusammen und kürt einen „Baum des Jahres“. Im kommenden Jahr 2012 wollen die Baumkuratoren die Europäische Lärche mit diesem Titel besonders herausstellen.
Es ist in Normaljahren schon ärgerlich genug für den Fotografen, einen Baum des Jahres im Herbst abzulichten, wenn der sein Laub schon abgeworfen hat. So könnte man die Damen und Herren mit den Kameras jetzt bei der Auswahl eines Nadelbaums beinahe beglückwünschen, wenn denn die Lärche ihre Nadeln im Winter nicht auch abwerfen würde. Sie ist ausgerechnet die einzige Nadelbaumart hier, die ihre Nadeln, wie ein Laubbaum, nach wunderschöner Gelbverfärbung fallen lässt.
Aber gerade dieser Nadel lose Zustand rückt eine andere, im Sommer kaum zu beobachtende Eigenschaft der mächtigen alten Lärchen um so stärker ins rechte Licht: Ihre Kronen sind filigran und manchmal bizarr, ihre Stämme erreichen mächtiges Ausmaß und manche wachsen zu Methusalems heran, denn sie können weit mehr als 1.000 Jahre alt werden. Und bei richtiger Pflege hält ihr Holz auch beinahe so lange.
Bei der Europäischen Lärche soll es sich um eine Baumart handeln, die ursprünglich in den Alpen und Karpaten heimisch gewesen ist. Dort gedeiht sie prima bis in Höhen von deutlich mehr als 2.000 Metern. Dort oben findet man auch diese Methusalems, die älter als 1.000 Jahre sind, mächtige, bizarre Baumgestalten mit kräftigen Stämmen, die jahrhundertelang Wind, Regen, Schnee und tiefen Temperaturen getrotzt haben. Sie sind die Bäume der Baumgrenze im Gebirge, können durchaus Minus 40 Grad überleben.
Dabei stellt sie keinerlei besondere Ansprüche an die Nährstoffe im Boden, sie gilt vielmehr als „Pionierbaumart“, wie man im Forstdeutsch Arten bezeichnet, die Rohböden und Kahlflächen als erste besiedeln. Wie die anderen bei uns häufigen „Baumpioniere“ Birken und Kiefern stellen Lärchen hohe Anforderungen an Licht und gelten deswegen als Lichtbaumart, was ihnen eben nur die Baumgrenze im Hochgebirge als Rahmenbedingung bieten kann.
Im Flachland haben sie es schwer. Sie gedeihen zwar gut, aber sie können sich hier langfristig nur mit menschlicher Hilfe halten. Der Grund ist die hiesige Vielfalt der Baumarten, insbesondere der Schattenbaumarten, die den Lichtmangel besser vertragen und deswegen innerhalb der Baumvielfalt konkurrenzfähiger sind. Allerdings werden hier im Flachland häufig junge Buchen in mittelalte Lärchenbestände gepflanzt, um hier die Arten- und Strukturvielfalt zu erhöhen. Das macht Sinn, denn wenn die Buche prächtig heranwächst, dann sind die älteren Lärchen hiebreif und liefern das Holz mit der ganz besonderen Qualität. Lärchenholz gilt als das härteste aller hier heimischen Nadelbäume und es ist wertvoll, denn nur auf etwa 1% der gesamten Waldfläche in Deutschland wachsen Lärchen.
Lärchenholz ist ausgesprochen reich an Harz und deswegen sehr dauerhaft. Als Bauholz ist es sowohl für den Innen- wie für den Außenbereich geeignet, wobei es im Freien sogar ohne Imprägnierung auskommt, wenn es regelmäßig wieder abtrocknen kann. Es gilt als das beste Holz für Kübel und Bottiche. Der höchste aus Holz gebaute Turm auf der Welt, immerhin stolze 118 Meter hoch, wurde 1935 gebaut, aus Lärchenholz natürlich, und er steht heute noch intakt in der Nähe von Gleiwitz in Oberschlesien. Es ist der Sendeturm des Senders Gleiwitz, über den die Nazis die falsche Nachricht vom fingierten Überfall polnischer Truppen auf Deutschland verbreiteten.
Auch die Chemie hat die Lärche für sich entdeckt: Ihr Harz beinhaltet ein wertvolles Terpentinöl, das als Heilmittel gilt und Grundlage vieler Heilsalben ist. Lärchennadeln als Badezusatz sollen Wunder wirken, einige andere Inhaltsstoffe spielen auch eine Rolle in der Kosmetikindustrie.
Jüngst haben britische Wissenschaftler dazu aufgefordert, mehr Lärchen in den Städten anzupflanzen. Gegen die meisten Schadstoffe sei die Lärche resistent, nur gegen Ozon nicht. Und die Lärche habe von allen europäischen Baumarten das größte Potential zur Verbesserung der Luft in unseren Städten.
Auch in der Mythologie spielen Lärchen eine wichtige Rolle. Sie waren die Wohnstätte der „wohlgesonnenen Waldfeen“, die den verirrten Wanderer wieder auf den rechten Weg geleiteten, sie gaben den Armen Geldbeutel, die sich niemals leerten, oder Brotkästen, die auf ewig gefüllt blieben, und natürlich Käselaibe, die immer nachwuchsen. Wer die entnadelten Lärchen jetzt draußen beschaut, der sieht, dass die Waldfeen sie ganz bewusst zur Wohnstatt auserwählt haben.