Mit dem Fundus der Erinnerungen zum gemeinsamen Theaterstück

Gemeinsam an einem runden Tisch saßen die Mitglieder der Theatergruppe der Pestalozzi-Werkstatt und die theaterinteressierten Seniorinnen, unter ihnen ein Teilnehmerin, die bereits 90 Jahre alt ist, sich gern aber auf irgendeine Art und Weise einbringen möchte. (Foto: Anna Kentrath)

Theatergruppe der Pestalozzi-Werkstatt spielt künftig mit sechs Seniorinnen

GROSSBURGWEDEL (ak). Das erste Treffen eines außergewöhnlichen Theater-Projektes fand in der Seniorenbegegnungsstätte in Großburgwedel statt. Die Theatergruppe der Pestalozzi-Werkstatt unter der Leitung des Theaterpädagogen Matthias Bittner hatte Seniorinnen und Senioren über die Presse dazu aufgerufen, mit ihnen zusammen das nächste Projekt auf die Beine zu stellen.
In Burgwedel ist sie vielen längst bekannt, die Theatergruppe der Pestalozzi-Werkstatt, die seit mittlerweile acht Jahren mit ihrem Improvisationstheater begeistert. Jedes Jahr kommt ein Stück zur Aufführung, das die Darsteller zusammen mit Matthias Bittner erarbeiten, aus Erlebnissen ihres Alltages heraus, ohne festen Text, nur mit einem Rahmen der Handlung, in dem sich die Akteure bewegen, sich selbst einbringen können. Meist nutzen sie als Bühne die Aula der Förderschule, doch auch das Maschseefest haben sie bereits mit einer Aufführung auf einem Planwagen bereichert. Für dieses Jahr hat sich Matthias Bittner etwas Besonderes ausgedacht: Gespielt werden soll mit Senioren und Seniorinnen vor Ort.
Wie die Idee ankommen würde, sei vollkommen offen gewesen, so Bittner und deshalb freue er sich umso mehr über die gute Resonanz. Fünf Damen im Alter von 55 bis 90 Jahren waren der Einladung gefolgt, eine weitere hatte sich telefonisch angekündigt, da sie leider beim ersten Treffen nicht dabei sein konnte. Der Theaterpädagoge Bittner erläuterte den Anwesenden ihr Vorgehen in der Theatergruppe, ein Stück zu entwickeln. Keine konkrete Textvorlage, nicht einmal ein festes Thema stehe am Anfang. „Wir gehen von Gegenständen und kleinen Alltagsgeschichten aus“, so Bittner. Als Anhaltspunkt könne man mit einem möglichen Ort der Begegnung dieser zwei Gruppen beginnen. So würden Theaterräume entstehen, aus denen sich dann die Geschichten entwickeln lassen, betonte Bittner. „Unsere Arbeit ist ein ständiger Prozess“, „unser Fundus ist die gemeinsame Erinnerung“, nicht ein festes Theaterstück.
Das Erzählen der Geschichten dient nicht nur der Suche nach Inhalten für ein Theaterstück, sondern auch zum Kennenlernen und Abbauen möglicher Barrieren. Vermutlich lassen sich mehr Gemeinsamkeiten feststellen zwischen den beiden Gruppen, als Trennendes. Was ist der Maßstab für eine Behinderung, fragte Bittner rhetorisch in die Runde, dass jemand etwas zur Gesellschaft beitrage? Das wäre mit den hier Anwesenden doch ganz klar der Fall, schließlich würde sie alle einer Tätigkeit nachgehen, die meisten in der Pestalozzi-Werkstatt. Begegnungsmöglichkeiten vielen den Anwesenden schnell ein, sei es beim Einkaufen, im Bus am Bahnhof oder eben, wie vergangenen Freitagnachmittag, in der Seniorenbegegnungsstätte gemeinsam an einem runden Tisch sitzend.
Annähernd wöchentlich, das nächste Mal am 15. März, wird sich die Gruppe nun in der Aula der Förderschule treffen, erst einmal um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Vorgegangen werden dann, wie beim „Gold Sieben im Bachbett: Was gut ist, das bleibt“, erklärte Matthias Bittner. Theater lebe seiner Meinung nach von der Authentizität man brauche „Vertrauen in die Gruppe“, keine Schauspielausbildung und eine „intrinsische Motivation“, eine Antrieb, das auch wirklich zu wollen.