Mehr Klarheit in der Mahnmal-Kontroverse

Eine große Zuhörerschaft folgte in Aula der Pestalozzi-Stiftung den wissenschaftlich fundierten  Vorträgen. (Foto: Renate Tiffe)
 
Der Sozialpsychologe Harald Welzer belegte, warum ein gemeinsames Gedenken für alle Kriegsopfer nicht möglich ist. (Foto: Renate Tiffe)

„Erhellende“ Tagung in der Pestalozzi-Stiftung

GROSSBURGWEDEL (ti). Ins dritte Jahr geht jetzt in Großburgwedel die Kontroverse um „das richtige Gedenken“ für die Toten des Zweiten Weltkrieges. Dabei ist dies schon die dritte Streit-Welle. Bereits in den achtziger Jahren und Mitte der Neunziger fanden Auseinandersetzungen in einer Härte statt, die für diesen Ort ungewöhnlich  waren. Von einer Spaltung der Bürgerschaft war die Rede. Jetzt endlich, nachdem es Diffamierungen und persönliche Verletzungen ohne Ende gegeben hat und die Kombattanten in des Wortes wahrster Bedeutung vor einem Scherbenhaufen standen, scheint Klarheit in die Angelegenheit zu kommen. Die Ergebnisse einer Tagung in der Pestalozzi-Stiftung könnten es möglich machen. „Erhellend“ fand sie Pastor Andreas Seifert, der Gastgeber.
Natürlich war auch diesmal bei der Vorbereitung nicht alles glatt gelaufen. Dem Vorhaben des Verwaltungsausschusses der Stadt, eine Podiumsdiskussion einzuberufen, wurde mit dieser Tagung vorgegriffen. Sie wäre sonst  sehr wohl im neuen Veranstaltungszentrum denkbar gewesen, mit einer breiter gefassten Öffentlichkeit. So firmierte der Deutsche Gewerkschaftsbund als Veranstalter, dessen Legitimation in der Denkmals-Thematik („Wir positionieren uns gegen Rechtsextreme“) sich nicht jedem Großburgwedeler auf Anhieb erschließen wollte. Dessen ungeachtet waren an die hundert Zuhörer erschienen, und die klaren Aussagen in den Vorträgen dürften einiges in Bewegung setzen.
Professor Gerhard Schneider, emeritierter Historiker der hannoverschen Leibniz-Universität, ging der Geschichte der Kriegerdenkmäler nach. Ursprünglich nur Fürsten und siegreichen Feldherren vorbehalten,  änderte sich die Einstellung mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Auch einfache Soldaten wurden geehrt. Der verlorene Erste Weltkrieg mit den vielen Kriegstoten brachte es mit sich, dass die Denkmäler zunächst weniger augenfällig wurden, so wie das 1921 geschaffene  Monument auf dem Großburgwedeler Friedhof. Der Nationalsozialismus überhöhte dann die gefallenen Soldaten zu Helden, wohl als Einstimmung auf den kommenden Zweiten Weltkrieg. Entsprechend fielen die „Ehrenmale“ aus (von wenigen erhaltenen Beispielen pazifistischer Künstler abgesehen).
Die riesige Zahl der unterschiedlichen Kriegsopfer ließ danach neue Kriegerdenkmäler im herkömmlichen Sinn nicht mehr zu.  Mit Inschriften wie „Unseren Toten“ oder „Den Toten  aller Kriege“ wurden bereits bestehende Denkmäler ergänzt. Im Laufe der Jahrzehnte wurden dann aus den Kriegsopfermalen Mahnmale mit dem Gedenken an alle Kriegsopfer.
Mit der wiederholten Aufzählung der monströsen deutschen Massaker im Zweiten Weltkrieg, wollte  Professor Hans Dieter Schmid, ebenfalls Universität Hannover, eins schlüssig belegen: Eine Trennung zwischen der verbrecherischen SS und der relativ „sauberen“ Wehrmacht, so wie sie sich nach den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen „eingebürgert“ hatte,  ließ sich nach Ende des Kalten Krieges nicht mehr aufrecht erhalten, als die Archive im Osten zugänglich wurden. Individuelle Nachweise lassen sich heute kaum noch führen, erläuterte Schmid. Das Beispiel Burgwedel zeige, dass ein gemeinsames Gedenken für alle Kriegsopfer nicht geht.
Unterstrichen wurde diese Erkenntnis durch den Sozialpsychologen Professor Harald Welzer aus Essen, der in Großburgwedel sein Abitur gemacht hatte. Er wollte den Kreis der Täter noch erweitert wissen und sprach von der systematischen „Umformatierung“ der Gesellschaft unter dem NS-Regime. An haarsträubenden Beispielen belegte er, wie normale Menschen zu Mördern wurden, etwa wenn ein Polizeisekretär unbefangen seiner Frau berichtete, wie das Erschießen von Säuglingen immer leichter ging. Man müsse  Geschichte vom Anfang her denken, meinte Welzer. Viele hielten sich für gute Menschen, obwohl sie ganz böse Dinge taten.
Die Denkmalskultur befinde sich jetzt in einer Phase der Differenzierung, was die Sache so kompliziert macht. Privates Trauern von öffentlichem Gedenken zu trennen, so wie es der frühere Regionspräsident Dr. Michael Arndt vor kurzem vorgeschlagen hat, erscheine ihm als probate Lösung.
In der anschließenden Diskussion wurde diese Idee mehrfach aufgegriffen. Sie hatte schon ganz zu Anfang der Mahnmal-Kontroverse bei einer Zusammenkunft im SPD-Haus eine Rolle gespielt und ist nun sozusagen wissenschaftlich belegt worden. - Michael Arndt war bei der Tagung nicht anwesend, ebenso wenig wie die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums, die an dem Mahnmals-Projekt beteiligt waren.