Kleinburgwedels Schulglocke stürzte beim Läuten vom Giebel

Carsten Bruns und Volker Wildhagen neben der heruntergestürzten Glocke vor dem alten Schulgebäude in Kleinburgwedel. Wildhagen steht genau dort, wo er auch am Samstagabend stand, als die Glocke fiel ... (Foto: Hans Hermann Schröder)

Volker Wildhagen hatte Riesenglück beim Sonntagsgeläut

KLEINBURGWEDEL (hhs). Es war ein Samstag in Kleinburgwedel, wie er seit vielen Jahren immer abläuft: Am Nachmittag werden die Gehsteige gefegt, dann herrscht etwas Ruhe im Ort und um kurz vor 18.00 Uhr macht sich Volker Wildhagen auf den Weg zur alten Schule. Pünktlich um 18.00 Uhr muss er dort sein, denn dann wird mit der Glocke oben am Giebel des alten Schulgebäudes der Sonntag eingeläutet.
Am vergangenen Samstag endete das schöne Geläut abrupt: „Um 18.03 Uhr sauste die Glocke herunter“, beschrieb es Wildhagen trocken. Mit einem kurzen dumpfen Knall schlug sie auf die Pflasterung, nur gut einen Meter neben ihm. „Die Vibration war ganz deutlich zu spüren“. Kein Wunder, die Glocke hing in knapp sechs Meter Höhe, sie mag wohl 250 Kilogramm wiegen. Er habe in dem Moment gerade Richtung Kreuzung geschaut und die Glocke nach Gehör angeschlagen wie immer. „Plötzlich war der Tampen komisch locker, schon rauschte es und die Glocke stand neben mir.“
Sofort kam Carsten Bruns um die Hausecke gelaufen. Seit 1996 gehört ihm die alte Schule in Kleinburgwedel. „Wir haben hinter der Hausecke gesessen und wir dachten, der Giebel wäre eingestürzt“, beschrieb er die Situation. „Volker hat großes Glück gehabt“, brachte er es auf den Punkt. Als er das Gebäude von der damaligen Gemeinde Burgwedel erworben habe, habe man ihn gefragt, ob er die Schulglocke mit erwerben wolle oder nicht. Er habe sich damals entschlossen, die Glocke im Besitz der Gemeinde zu belassen. Also gehöre sie heute der Stadt Burgwedel, sagte er im Gespräch mit den Burgwedeler Nachrichten.
Er habe sich immer darüber gefreut, dass die Schulglocke noch einige ihrer alten Funktionen ausgeübt habe, zum einen das Einläuten des Sonntags, zum anderen das Totengeläut, wenn ein Kleinburgwedeler verstorben war. „Dann habe ich morgens um 8.00 Uhr zum Gedenken an die Verstorbenen geläutet“, beschreibt Volker Wildhagen die Tradition. Zweimal fünf Minuten schlägt er mit dem langen Seil den Klöppel an die Glocke, mittendrin eine Minute Pause, „zur Besinnung“, wie er es ausdrückte. Seit 2005 sei er gewissermaßen der Glöckner von Kleinburgwedel. „Die Kleinburgwedeler werden das Läuten hier vermissen“, befürchtet er.
Auch Hildegard Saeger, Mitglied im Kirchbauverein, war am Montagmorgen entsetzt: „So abrupt geht eine Ära zu Ende“, sagte sie. Sie wohne nicht weit weg und habe den dumpfen Aufschlag der Glocke gehört. Vielleicht könne man die Glocke reparieren. Wilfried Rosenberg, der das Läuten der Schulglocke übernimmt, wenn Volker Wildhagen verhindert ist, kennt die Glocke von Kindesbeinen an. Sie habe in seiner Jugend als Feuerglocke gedient und natürlich als Schulglocke zum Unterricht gerufen. „Wenn es bei uns in Kleinburgwedel brannte, dann wurde Sturm geläutet“, erinnert er sich. Wenn damals jemand in Kleinburgwedel verstorben sei, dann rief die Glocke am Tag der Beerdigung den ältesten Jahrgang der Volksschule und den Lehrer. Sie gingen dann ins Trauerhaus und sangen dort am Sarg des Verstorbenen. Anschließend wurde hier wieder geläutet, von der alten Schule aus zog der Zug der Trauernden unter Geläut zum Friedhof. Hatte die Gesellschaft den Ortsteil Mühlenberg erreicht, übernahm Großburgwedel das Läuten. Rosenberg meinte zu erinnern, dass die Glocke auch Geburten im Ort ankündigte. Ehe es das Haus der Kirche in der Ortschaft gab, hätten einmal wöchentlich als Ersatz für den Sonntagsgottesdienst in der alten Schule Bibelstunden stattgefunden. „Dazu musste ich die Glocke damals läuten“, schmunzelte Rosenberg. „Das habe ich manchmal vergessen. Meine Großmutter hat mich dann immer vom Sportplatz geholt“....

Die Glocke am Giebel der alten Schule in Kleinburgwedel hing fest in einer überdachten Konstruktion, die mit dem Dachstuhl verbunden war. Die Glocke selbst war unbeweglich, mit einem Seil wurde der Klöppel angeschlagen. Die Ursache des Glockensturzes am frühen Samstagabend ist Materialermüdung an dem Werkstück aus Schmiedeeisen, das die Glocke samt Klöppel mit der Konstruktion aus Holz verbindet.
Die alte Schule in Kleinburgwedel soll im Jahr 1874 gebaut worden sein. Vermutlich wurde damals schon eine Glocke am Nordgiebel des Gebäudes angebracht. Die jetzt heruntergestürzte Glocke trägt die Jahreszahl 1925 und die Inschrift: „Geopfert für Vaterlands Wehr 1917 erneuert zu Gottes Ehr 1925“. Das beschreibt einen für die beiden letzten Jahre des Ersten Weltkriegs immer wieder belegten Vorgang: Glocken aus Bronze wurden eingeschmolzen, um daraus Führungsringe für Geschützmunition zu gießen. 1925 erhielt die Schule dann die jetzt beschädigte Glocke.
Es ist gegenwärtig noch nicht zu sagen, ob diese Glocke repariert werden kann. Der Klangkörper verfügt über zwei Risse im dicken Material, die aufeinander zuzulaufen scheinen. So ganz einfach werden sich die Kleinburgwedeler sich nicht mit dem Verlust ihrer Schulglocke abfinden wollen. „Wir müssen abwarten, ob sie sich reparieren lässt. Wenn das nicht sinnvoll ist, dann müssen wir im Dorf überlegen, wie wir wieder zu einer Glocke kommen“, so die einhellige Meinung am Montag.