„Im Großen wie im Kleinen selber Hand anlegen“

Landtagspräsident a.D. Jürgen Gansäuer hielt eine engagiert Festrede. (Foto: Sina Balkau)
 
Die Isernhagener Musikanten spielten Titel aus den Themenbereichen Frieden, Hoffnung und Freiheit. (Foto: Sina Balkau)

Gansäuer spricht zum Tag der Deutschen Einheit in Isernhagen

ALTWARMBÜCHEN (sib). Der CDU Gemeindeverband Isernhagen hat den 3. Oktober mit einer Feierstunde unter dem Motto „20 Jahre Deutsche Einheit“ begangen. Jürgen Gansäuer, ehemaliger Landtagspräsident, war der Einladung des Vorstands gefolgt und hielt eine engagierte und fesselnde Festrede. Die Isernhagener Musikanten sorgten für die musikalische Untermalung der Traditionsveranstaltung.
„Sie waren ganz schön mutig, mich als Festredner einzuladen. Denn ich werde nicht nur feste reden, sondern auch etwas sagen“, kündigte Jürgen Gansäuer an, der seit 2008 als ordentlicher Student der Geschichte an der Universität Göttingen eingeschrieben ist. Die darauf folgende Erwartung durchaus kritischer Worte erfüllte sich.
„Festveranstaltungen und Konzerte gehören sicher auch zu einem solchen Tag“, begann der ehemalige Landtagspräsident, „in erster Linie sollten wir am Tag der Deutschen Einheit aber kritisch auf uns selbst schauen“. Die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen hält Jürgen Gansäuer für ebenso wichtig, wie die Rückschau in die Vergangenheit.
Streit über Hartz IV, Streit über die Gesundheitsreform, Streit über Sarrazin – vor diesem Hintergrund klinge das Wort ‚Einheit’ beinahe wie ein schlechter Witz. Insbesondere die Hysterie, mit der die Öffentlichkeit den Fall Thilo Sarrazin behandelt habe, ist Gansäuer unverständlich. „Ist es wirklich ein Beleg für eine reife, selbstbewusste und inzwischen eigentlich auch gestandene Demokratie, wenn sie auf eine abwegige Meinung mit Entlassung und Parteirausschmiss antwortet?“, so der 66-Jährige. Die Demokratie lebe von einer Vielfalt politischer Überzeugungen und nicht „von einer unnatürlichen, gekünstelten Übereinstimmung“.
Bedenklich sei auch die Verunsicherung der Menschen, die auf den rapiden sozialen, ökonomischen und kulturellen Wandel zurückzuführen sei. „Der Blick auf das Morgen wird immer häufiger nur sehr angstvoll gewagt“, findet der Geschichtsstudent. Eine verzweifelte Suche nach Halt und Verlässlichkeit sei die Folge, der vor allem im Umfeld der Union mit dem Ruf nach dem Konservativen begegnet werde. „Das gelingt aber nur, wenn Sie sich nicht im Gestern festkrallen, sondern sich mit Ihren Überzeugungen aktiv an der Gestaltung der Zukunft beteiligen“, mahnte er.
Trotz aller Kritik sei der 3. Oktober aber auch ein Tag, an dem die Deutschen stolz sein könnten. „Was Deutschland mit der Wiedervereinigung geschafft hat, ist zuvor noch keinem Land auf der Welt gelungen“, erinnerte der Redner. Da die Anwesenden nicht vergessen sollten, dass es dennoch viel zu erledigen gibt, schloss Jürgen Gansäuer mit folgenden Sätzen: „Es gibt keinen Acker, auf dem das Unkraut nicht immer wieder versucht, zu wachsen. Beseitigt wird es aber nicht durch aktives, zuweilen auch geistreiches Jammern, sondern nur dadurch, dass wir im Großen wie im Kleinen selber Hand anlegen.“
Mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen demonstrierte das Publikum im Rathaus Isernhagen seine Begeisterung für diese engagierte Festrede. Beifall erhielten auch die Isernhagener Musikanten: Mit einer Auswahl an Liedern, die den Themen Freiheit, Hoffnung und Frieden gewidmet waren, sorgten sie für ein ansprechendes musikalisches Rahmenprogramm der Feierstunde.