Gregorianika ermöglichte den Blick in die eigene Seele

Gregorianika, die sieben begnadeten Sänger aus der Ukraine, begeisterte die Burgwedeler am Donnerstag vor ausverkauftem Amtshof. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Chor schlägt Bogen von Mittelalter zu Gegenwart

GROSSBURGWEDEL (hhs). Gregorianische Chormusik liegt voll im Trend, das unterstreicht zumindest die große Resonanz der Burgwedeler auf das Gastspiel des Chores Gregorianika. Der Veranstaltungssaal des Amtshofes war bis auf allenfalls drei freie Plätze wieder ausverkauft und die sieben aus der Ukraine stammenden Sänger boten den Konzertbesuchern ein unvergessliches Erlebnis: Streicheleinheiten für die Seele, sich fallen lassen in eine getragene Klangfülle, Loslösung, Besinnung. Gregorianika war eine Klasse für sich, ohne großen Aufwand, handwerklich mehr als perfekt, wie fast immer, wenn Musiker aus dem ehemaligen „Ostblock“ hier auftreten, in Bescheidenheit überzeugend.
Den Besuchern, die etwas eher zu diesem Konzert gekommen waren, bot sich ein fast befremdliches Bild: Drei Sänger in Mönchskostümen stehen an einem Tisch, einer „bewacht“ die rote Kasse, die beiden anderen bemühen sich, einige ihrer eigenen CD's an den Mann oder die Frau zu bringen. Auf die Frage, ob man sie in den ersten Minuten ihres Auftritts fotografieren dürfe, nickte Oleksiy und sagt in gebrochenem Deutsch: „Yes, wir Profis!“. Dann lächelt er und wendet sich seinem Chorkameraden Serhiy zu und sagt irgendwas zu ihm. Beide beginnen zu summen, Oleksiy Semenchuk ist der Bass des Septetts, Serhiy Rybyn, von den Kameraden „Engel“ genannt, der Tenor, dem der Ruf voraus geht, seinen Soli Flügel zu verleihen und den Zuhörern Schauer der Verzückung über den Rücken zu jagen.
Um kurz vor 20.00 Uhr kommen die übrigen Sänger aus der Garderobe, Volodymyr Popiv, der für die ganz hohen Töne zuständig ist, Vasyl Lopata, der Bariton, der im Verein mit dem Basskollegen Oleksiy jede Halle erbeben lässt, Vasyl Melnychuk, ein kleiner Mann mit großer Stimme, wie sich wenige Minuten später herausstellt, Bodhan Slipak, der stimmlich zwischen Bass und Tenor jede Lücke zu füllen vermag, und schließlich Volodymyr Ponomarenko, ein Mann mit großen Gesten und starker Gestik, wie man sie eher von einem Opernstar erwartet. Oleksy holt eine Stimmgabel unter der Kutte hervor, noch ein kurzes gemeinsames Ansummen, alle nicken und los geht es , hinein in den Veranstaltungssaal, mit Kapuze über den Köpfen, demütig in mönchischer Bescheidenheit.
Auf der Bühne stellen sich sich im Bogen auf, eine kurze Begrüßung und dann beginnt das A-Capella Konzert mit Gregorianika, zunächst das Mönchsgebet, einstimmig, wie es seit dem frühen Mittelalter in der Liturgie der römisch Katholischen Kirche üblich ist, dann Ave Verum, dessen Melodie aus dem 14. Jahrhundert stammt, an diesem Abend vierstimmig geboten, die Besucher merkten auf: Klanggewalt und Fülle ohne Unterstützung. Die als etwas zickig verschrieene Akustik des Amtshofes, unter der schon einige Interpreten bei ausverkauftem Haus gelitten haben, hatte gegen Gregorianika nichts aufzubieten.