"Gönnen wir uns die Zwischenzeit . . ."

Stark wurden die Aussagen des hannoverschen Kabarettisten Matthias Brodowy, wenn er in die Tasten griff. (Foto: Renate Tiffe)
 
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist in bissigem Humor sorgte für fröhliche Gesichter im Publikum. (Foto: Renate Tiffe)

Ein Beitrag von Renate Tiffe - Benefizveranstaltung mit dem Kabarettist Matthias Brodowy in Großburgwedel

GROSSBURGWEDEL (ti). Schnell hatte sich herausgestellt, dass der Amtshof als Ort für die Benefizveranstaltung nicht ausreichen würde. Zum Kabarett-Abend mit Matthias Brodowy waren etwa 380 Gäste der Einladung des ambulanten Hospizdienstes Burgwedel-Isernhagen-Wedemark in die Aula des Burgwedeler Gymnasiums gefolgt – eine schöne Bestätigung für die Veranstalter.
Eine schöne Bestätigung für die Koordinatorin des Hospizdienstes Ute Rodehorst und ihre Stellvertreterin Nicole Friedrichsen deswegen, weil es einmal das kulturelle Angebot betraf. Zum anderen zeigte sich aber auch, wie weit ihre noch junge Institution in der Öffentlichkeit verankert ist.
Die zahlreichen Gäste wurden keineswegs enttäuscht. Von Anfang an hatte Matthias Brodowy das Publikum auf seiner Seite, mit viel Zustimmung für sein Gedanken-Feuerwerk, mit viel vergnügten und lauten Lachern.
„Offenbarung“ hatte der in Hannover lebende gebürtige Braunschweiger („ich bin ein Hannoveraner mit Migrationshintergrund“) sein Programm genannt. Kraftvoll griff er mit seinem ersten Lied in die Tasten des Flügels. Es ging um das Ende der Welt. „Wenn der letzte Tag anbricht, gönnen wir uns die Zwischenzeit“, war eine seiner Empfehlungen, eine Art Credo, unter dem sich fast alles unterbringen ließ, was der Kabarettist als „Vertreter für gehobenen Blödsinn“, wie er sich selber nannte, seinem Publikum zu sagen hatte.
Und damit ließ er kaum einen der höchst aktuellen wie auch anderweitige Themenbereiche aus. Die Geldverschendung des Limburger Bischofs? Tebartz-van Elst könnte doch Bauleiter der Elbphilharmonie oder anderer Bauprojekte in Lüneburg oder Stuttgart werden, riet er. Die Koalitionsverhandlungen? Er plädiere für eine temporäre Monarchie, so 700 bis 800 Jahre lang.
Konzentriert wurde es in seinen Liedern, etwa dem von den „Abzockern“. . Aber statt sich mit Politik zu befassen – was er dann doch immer wieder tat - wollte er lieber in seiner Kindheit in den siebziger Jahren schwelgen, als man noch entspannt zum Telefonhörer greifen konnte, „ohne dass es in der Jacke klingelt oder in der Hose vibriert“. Über alles durfte Brodowy herziehen, nur nicht über die Lehrer. Schließlich befand er sich in einer Schule. Von der Technik, für die Theatermacher Wolfgang Grüne dankenswerterweise verantwortlich zeichnete, wurde ihm dies per kurzem Lichtentzug klargemacht.
Offenbarung – Brodowy schlug auch nachdenkliche Töne an wie in dem Lied: „Du bist meine Offenbarung. Ich weiß alles über Dich, doch Du kennst mich nicht.“ Oder wenn er von sich sagte, dass er gerne auf Friedhöfe gehe. Die Sterbekultur sei uns verloren gegangen. „Ich möchte nach meinem Tode gern jemand zur Last fallen“ und „schenkt mir einen Grabstein“ setzte er dagegen.
Nachdenklich stimmte auch, wenn er sich an der Aussage des Facebook-Erfinders Zuckerman rieb: „Privatsphäre ist eine Lebensform, die nicht mehr zeitgemäß ist“. Brodowy erzählte immer wieder davon. Und offenbarte so seinen Zuhörern im Laufe des Abends, dass er ein unerschütterlicher Optimist ist. - Mit seinem ständigen Schlusslied „Hannover, was für eine Stadt“, entließ er sein Publikum mit lauter fröhlichen Gesichtern.