„Gegen den Strich“ gebürstete Konzertlesung

Seit zwei Jahren ein künstlerisches Duo: Gudrun Voss und Holger Kirleis. (Foto: Svenja Steinseifer)
 
Deutliche Worte gegen die Verletzungen des Menschenrechts: Gudrun Voss. (Foto: Svenja Steinseifer)

„Was uns nicht ruhen lässt“ – Konzertlesung im KulturKaffee

ISERNHAGEN (svs). Einen Toast auf die Freiheit. Leicht dahin gesagt bei einem Glas Bier in Portugal vor 50 Jahren. 1961 herrschte in Portugal eine Diktatur. Das Wort Freiheit war verboten. Einen Toast darauf auszusprechen brachte die portugiesischen Studenten hinter Gitter. Sieben Jahre lang.
„Schlagen Sie Ihre Zeitung an irgendeinem beliebigen Tag auf und sie werden eine Meldung aus irgendeinem Teil der Welt lesen: Ein Mensch ist eingekerkert, gefoltert, hingerichtet worden, weil seine Ansichten oder religiösen Überzeugungen nicht mit denen der Regierung übereinstimmen“. So beginnt der Artikel „The forgotten Prisoners“ (Die vergessenen Gefangenen) von Peter Benenson. Und so beginnt die Geschichte von amnesty international (kurz ai) 1961 mit einem einzigen Menschen. Mittlerweile sind es 2,8 Millionen weltweit. Menschenrechtsverletzungen geisterten „noch immer viel zu alltäglich durch unsere Zeitungen“. „Was uns nicht ruhen lässt“ – unter diesem Titel feiert die ai-Gruppe Burgwedel-Burgdorf am vergangenen Freitag ihr 35-jähriges Bestehen mit einer Konzertlesung im KulturKaffee Rautenkranz.
Über eine Angestellte, die wegen ihrer Kritik an der Firma gekündigt wurde, berichtete die Hannoversche Allgemeine nicht vor fünfzig Jahren, sondern vergangene Woche. „Gegen Menschenrechtsverletzungen müssen wir uns wehren, deutlich werden!“, betont Erika Büchse, Gruppensprecherin der Gruppe Burgwedel-Burgdorf. Vor zwei Jahren sei das lyrische und musische Programm entstanden. „Es bringt sehr gut zum Ausdruck, wofür sich ai einsetzt“, sagt Gudrun Voss, Rezitatorin des Abends. Mit Gedichten, die eine deutliche Sprache sprechen. „Menschen, denen Menschenrechtsverletzungen widerfahren, können nichts mehr für sich tun“, sagt Voss, umso wichtiger sei es, dass die Öffentlichkeit aufschreie.
Mit außergewöhnlichen Kompositionen an Klavier und Blasharmonika tupft Holger Kirleis Töne zwischen die Worte. Um die Geschichte eines Gefolterten, die „das Testament“ von Ariel Dorfmann erzählt. „Wenn sie sagen, dass ich ganz und gar völlig tot bin - glaub ihnen nicht“. Gewaltig, zum Teil disharmonisch, aufwühlend, manchmal leise und vorsichtig. „Die Musik bringt das Gesagte auf eine abstrakte Ebene“, erklärt Kirleis, „man kann besser nachdenken“.
Marie-Louise Sendzik war das zu abstrakt. „Es gefällt mir überhaupt nicht“, sagt sie. Zusammenreißen müsse sie sich, um zu bleiben. „Es ist gegen den Strich gebürstet, aber interessant, mir gefällt es“, findet Monika Marquardt. „Dahinter steckt eine so tolle und vor allem wichtige Idee“, betont Regine Arndt. Menschen dürften nicht aufhören, etwas für Menschen zu tun. Wie „der Schwärmer“ von Vaclav Havel, der nur eines nicht zu lässt: Das Gute nicht anstreben zu wollen. Weil es sich nicht lohnt, weil es nicht hilft, weil ja doch nur gelacht wird – Gründe die Erich Fried in seinem gleichnamigen Gedicht heranzieht.
Erika Büchse zieht ein positives Fazit aus einem Abend, der anders geplant gewesen und ein Vorgeschmack auf eine größere 35-Jahrfeier sei. „Kurz vor der Veranstaltung ist die Generalsekretärin von amnesty international außer Dienst gesetzt worden“, erklärt die Gruppensprecherin. Das habe „einige Probleme gegeben. 2011 ist für ai und für die Gruppe 1005 ein Jubiläumsjahr. Amnesty international feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Appellbriefe, Unterschriftensammlungen, Aufklärung der Öffentlichkeit und Unterstützung der Schulen und die Pflege des Menschenrechtspfades in Isernhagen – damit steht die Gruppe 1005 zusammen mit den anderen Gruppen für andere auf. Für jedes Menschenrecht ein Stein – dreißig Rechte hat der Mensch.
Zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung. „Holger Kirleis ist ein ungewöhnlicher Künstler“, sagt Erika Büchse, „seine Kompositionen sind eigenwillig aber er hinterlässt einen Eindruck, den man nicht vergisst“. Genau wie die „Vergessenen Gefangenen“.