Gegen das Vergessen

Auch der Großburgwedel Ortsrat unterstützt seit vielen Jahren die Gedenkveranstaltung an der Scheune der Pestalozzi-Stiftung. Hier steckt Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller eine Rose in den „Busch der Hoffnung“. (Foto: Archiv)

Gedenkveranstaltung an der Pestalozzi-Scheune in Großburgwedel

Großburgwedel (r/bs). Seit 2005 führt die Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen“ Burgwedel gemeinsam mit der Pestalozzi-Stiftung und der Initiative „Buß- und Erinnerungsgang von Hannover nach Bergen-Belsen“ jährlich jeweils am Samstag vor Palmsonntag, eine Gedenkveranstaltung an der Pestalozzi-Scheune durch. In diesem Jahr soll die Veranstaltung am 27. März um 10.30 Uhr an der Scheune, Pestalozzi-Straße 22, stattfinden. In welcher Form hängt vom aktuellen Inzidenzwert ab.
Anfang April 1945 - in der Osterwoche - wurden alle fünf Marschkolonnen mit zirka 4500 KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern aus den sieben hannoverschen KZ-Außenlagern durch un-seren Ort nach Bergen-Belsen getrieben. Sie hatten einige Monate in kriegswichtigen Betrieben Zwangsarbeit leisten müssen.
Einer der Elendszüge der völlig unterversorgten KZ-Häftlinge – „menschliche Wracks“- hatte Hannover, das kurz vor der Einnahme durch alliierte Streitkräfte stand, am frühen Morgen mit dem Ziel KZ-Bergen Belsen verlassen. Auf Anweisung des Ortsvorstehers der NSDAP sollte hier nach der ersten Tagesetappe in der Scheune der Stiftung übernachtet werden.
Es heißt, dass sie während des Evakuierungsmarsches den ganzen Tag weder Nahrung noch Getränke erhalten hätten. Selbst als mitfühlende Bürger an der Strecke auf Bitte der Häftlinge um Was-ser, Töpfe und Eimer mit Trinkwasser an den Straßenrand stellten, wurden diese – wie Über-lebende im Gerichtsverfahren 1980 aussagten - von der Wachmannschaft umgestoßen und den hilfsbereiten Bürger damit gedroht, dass sie sich gleich in die Marschkolonne einreihen könnten.
Eine ausreichende Versorgung hier am Ort war nicht vorgesehen. Nachts stand der mitgeführte Proviantwagen vor der Scheune. In der Dunkelheit versuchten einige der geschundenen Menschen zum Proviantwagen zu gelangen, um sich ein Stück Brot zu nehmen. Die Wachmannschaft handelte „befehlsgemäß“. Um die lokale Bevölkerung nicht zu beunruhigen, wurden die Toten am nächsten Morgen auf mitgeführte flache, zweirädrige Karren gelegt, abtransportiert und irgendwo außerhalb des Ortes notdürftig verscharrt.
Jahre später fanden junge Historiker noch 41 verscharrte Leichen an der Route der Todesmärsche ins KZ. Die damalige örtliche Mordaktion wurde hier 60 Jahre verschwiegen. Erst die Jubiläumsbroschüre „100 Jahre Pestalozzi-Stiftung in Großburgwedel“ klammerte 2004 die zwölf Jahre NS-Diktatur nicht mehr aus. Die Aussage eines Augenzeugen des Geschehens wurde in Erinnerung gerufen.
Drei Häftlingen, denen es trotz Schusswunden gelungen war, sich in die Scheune zu schleppen und verstarben dort unversorgt.
Die Erinnerung an die Ermordung von etwa 20 KZ-Häftlingen in Großburgwedel wach zu halten, bleibt als Lehre aus unserer Geschichte wichtig. Die Scheune ist ein belegter Tatort. Es sei Mahnung und Verpflichtung das NS-Grauen vor der eigenen Haustür aufzuzeigen und daran zu erinnern, was Menschen anderen Menschen unter dem Einfluss extremistischer Ideologien anzutun in der Lage sind, so Rudolf Gutte im Namen der Bürgerinitiative.
„Alle Bürger sind herzlich eingeladen an der gemeinsamen Gedenkveranstaltung teilzunehmen und Blumen in den „Busch der Hoffnung“ unterhalb der Gedenktafel zu stecken und so persönlich aller NS-Opfer unseres Ortes zu gedenken“, bittet Rudolf Gutte im Namen der Veranstalter. Besonders freut sich die Bürgerinitiative, dass Wolfram Wallrabenstein erneut dabei sein und mit seiner Klarinette den Gesang der Friedenslieder „Die Moorsoldaten“ und „Freunde dass der Mandelzweig …“ begleiten wird. Die Gedenkveranstaltung erhält dadurch wieder ihre besondere Note.
Wer Lust, Kraft und Zeit hat, ist darüber hinaus herzlich eingeladen, die Teilnehmer des Erinnerungsganges von der Scheune bis nach Fuhrberg zu begleiten. Sollten die Pandemiebedingungen am 27. März des Jahres noch keine öffentliche Veranstaltung erlauben, so wird die Bürgerinitiative im kleinen Kreis, analog zur letztjährigen Form, dem Gedenken in würdiger Weise zum Ausdruck bringen und belegen, dass die örtlichen Opfer der NS-Gewaltherrschaft weiter Verantwortung und Verpflichtung bedeuten.