Ganz unterschiedliche Reaktionen von Rehböcken auf das Zusammentreffen mit Menschen

Der Rehbock lag in aller Seelenruhe gut fünf Meter im Wald und wartete ab, wie sich die Situation entwickeln würde. Dabei hielt er die Betrachter stets im Auge. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Dieser junge Rehbock sprang sofort hoch, als der Fußgänger stehen blieb und zur Kamera griff. Wenige Sekunden später sprang das Tier ab. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Erlebnisse, die das gegenwärtig geltende Anleingebot für Hunde rechtfertigen

BURGWEDEL (hhs). In Kreuzworträtseln wird häufig nach dem „scheuen Waldtier“ mit drei Buchstaben gefragt. Manchmal lautet die richtige Antwort Uhu, meistens aber Reh. Manchmal aber sind die nicht scheu, sondern nach menschlichen Kriterien eher dreist, dickfällig oder aber tollkühn. So am Samstag vergangener Woche in Fuhrberg an einem Wirtschaftsweg, der nicht nur von den Landwirten viel befahren wird, auch von Radfahrern und von Spaziergängern mit und ohne Hund.
Der Fotograf schlenderte unübersehbar den Weg Richtung Ort. Mehrere landwirtschaftliche Fahrzeuge kamen ihm entgegen, die Joggerin, die dreimal die Woche hier entlang läuft, ein Radfahrer überholte ihn und schließlich kam ihm eine Radfahrerin entgegen mit Hund. Als sie an dem Waldstück entlang kam, das alle Beteiligten noch von der Ortschaft trennte, deutete die Frau mit einem Arm Richtung Wald. Im gleichen Moment zog sie ihren Hund näher an das Rad heran. Schnuffi trabte gelangweilt weiter. Als die beiden beim Mann mit der Kamera ankamen, sagte sie im Vorbeifahren: „Da liegt ein Rehbock fünf Meter im Wald, wo ich gewunken habe“.
Der Fotograf machte seine Kamera scharf und ging weiter. So gut hundert Meter müsste es noch bis zum Rehbock sein, dachte er. Der Ort müsse vor dem Pumpenhäuschen sein, in jedem Fall. Er ging ruhigen Schrittes weiter, äugte stetig nach rechts. Im Sonnenschein des Samstagmorgens war jedes Blatt zu erkennen, er peilte jede Kiefer an, doch eine sah aus wie die andere, zwischen den Bäumen war kein Tier auszumachen. Nichts sah er, noch nicht einmal eine Amsel.
Am Pumpenhäuschen drehte er sich um. Die Frau mit dem Fahrrad fuhr ihm nun entgegen, ihren Hund hatte sie an einem Baum angeleint. „Nichts“, sagt er leise. Er drehte sich um, wollte zurückgehen. Die Frau fuhr langsam hinter her. Die beiden erzählten sich etwas, bis sie plötzlich leise ausstieß: „Da liegt er doch!“ Er riss die Kamera hoch, hatte den Rehbock scharf und drückte ab. Dauerauslöser auf den Bock, der tatsächlich nur fünf Meter entfernt, wie angesagt dort lag. Jeder Auslöser war verbunden mit einem lauten Klappen des Verschlusses. Nach einigen Sekunden schaute der Fotograf nun ruhig durchs Objektiv und erkannte, dass der Rehbock dort in aller Ruhe wiederkäute. Das Tier blinzelte gegen die Sonne, ab und an versuchte es, im Liegen einen der frischen Triebe einer jungen Vogelbeere abzubeißen. Die beiden Menschen flüsterten leise weiter. Doch was heißt für einen Rehbock „leise“?
Mehrere Minuten dauerte dieses Erlebnis. Dann gab die Radfahrerin zu bedenken, das Tier könnte angesichts des starken Verkehrs angefahren worden und vielleicht verletzt dort liegen. Der Mann mit der Kamera sagte, er werde jetzt an das liegende Tier herangehen, um das zu überprüfen. Als er den ersten Schritt in Richtung auf das vermeintlich verletzte, hilfsbedürftige Tier setzte, sprang dieses auf und verschwand blitzschnell im Unterholz. Am darauf folgenden Sonntagmorgen lag der Bock in etwa an der gleichen Stelle, nur drei Meter tiefer im Bestand.
Es handelte sich bei dem Rehbock um ein älteres Exemplar, etwa vier oder fünf Jahre alt und deswegen mit einer gewissen Erfahrung in allen Belangen eines Rehbocklebens. Das Alter kann man im Frühling ziemlich genau festmachen: Das Tier hatte sein Gehörn verfegt, wie der Jäger sagt, es war entgegen allen jüngeren Exemplaren zu dieser Zeit noch nicht richtig „verfärbt“, hatte also noch weitgehend sein Winterhaar auf der Decke. Der Zeitpunkt des Gehörnverfegens muss schon einige Wochen zurückliegen, denn der Gehörnknochen war schon sehr dunkel durch den Saft der zum Verfegen benutzten Sträucher und Bäumchen.
Die Radfahrerin hatte eine Menge Glück gehabt. Zum einen hatte sie ihren Hund angeleint wegen der Brut- und Setzzeiten, zum anderen zog der Wind und damit die Witterung des Rehbocks nicht auf den Wirtschaftsweg zu. Hätte Schnuffi den Bock in die Nase bekommen, wäre Frauchen möglicherweise auf dem Asphalt gelandet.
Ganz anders hatte ein jüngerer Bock eine Wochen zuvor im Hastbruch nahe Wulfshorst auf den Menschen mit der Kamera reagiert. Als der Fotograf an einem kleinen Feldgehölz vorbeischlenderte, sah er einen Rehbock, der sich gerade erhob, auf gut 40 Meter Entfernung. Der Bock äugte ihn an, tat ein paar Mal so, als wollte er äsen, nahm dann aber sein Haupt immer wieder ruckartig hoch. „Scheinäsen“ nennt das der Jäger. Nachdem der Verschluss der Kamera einige Male betätigt war, sprang das Tier laut schreckend ab. Dieser Bock war noch vollkommen im Bast, hatte sein Gehörn also nicht verfegt. Aber sein Fell schimmerte schon weitgehend rotbraun im Sommerhaar. Er wird zwei bis drei Jahre alt gewesen sein.