„Futtern was der Pansen hält“ heißt es nun in der freien Wildbahn

Im Winter sieht man die Sprünge des Rehwildes deutlich auf den Weiden und Wiesen liegen. Man kann auch das dichte Winterhaar deutlich erkennen. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Dieser junge Rehbock musste im vergangenen Winter lange im hohen Schnee scharren, um an die Nahrung zu gelangen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Schon der Herbst ist problematisch für das Wild

REGION. Bilder von Rot-, Reh- und Schwarzwild, das sich seinen Weg durch tiefen Schnee zur Fütterung bahnt, haben viele Naturinteressierte schon einmal gesehen. Berühmt geworden sind in diesem Zusammenhang die im Fernsehen übertragenen Wildfütterungen im tiefen Schnee am Molkenhaus nahe Bad Harzburg. Allein die Schneemassen dort ließen die Wildfütterung mit Kastanien notwendig erscheinen. Dagegen ist wenig bekannt, dass häufig der noch warme Frühherbst für unsere Wildtiere schon problematisch sein kann. Deshalb hat jede Tierart eigene Anpassungen entwickelt.
 
Die kalte Jahreszeit wird zunächst eine „haarige Sache“ für das Wild: Praktisch alle Säugetiere führen im Winter ein dichteres Fellkleid als in den warmen Monaten. Deckhaare und Unterwolle werden dichter. Diese Phase beginnt bei den Rehen ab November. in nur wenigen Wochen wird das Haar vollständig gewechselt und die Fellfarbe verändert sich dabei: Die Licht- und Farbverhältnisse ändern sich im Winter und die Deckung in Wald und Gebüsch ist kaum mehr vorhanden. Daher machen weniger auffälligere Fellfarben jetzt Sinn. So wechseln Rehe zum Beispiel vom typischen Rotbraun des Sommers nun in ein unscheinbares graubraunes Fell.
„Futtern, was der Magen“ hält, heißt es nun draußen in der freien Natur zu Beginn der kalten Jahreszeit: Pflanzenfressende Tiere müssen im Winter ihre Nahrung anpassen, denn feine Kräuter oder Blätter sind unterm Schnee nicht mehr zu finden. Eine besondere und einzigartige Anpassung zeigt das Reh. Dort passt sich auch der Pansen (großer Magen) an die nahrungsarme Zeit des Winters an. Dank dieser Anpassung muss das Reh im Winter – verglichen zum Sommer – nur etwa ein Drittel der Nahrung zu sich nehmen. Auch die minderwertige Qualität des Winterfutters kann das Tier so besser verdauen.
Nun werden die Hirschartigen zum „Teamplayer“: Der Winter ist eine gute Zeit, um Rehe auch auf weite Distanzen zu beobachten, denn hier bildet Rehwild so genannte Sprünge (Rudel). Ein Sprung besteht in der Regel aus einer Ricke, ihren Kitzen der beiden vergangenen Jahre und einem Bock, das sind etwa fünf bis acht Stück. Nur Feldrehe bilden größere Sprünge (bis über 30 Stück). Der Sprung lockert sich im März, er wird während des Frühjahrsbeginns wieder vollständig aufgelöst und die Rehe werden zu Einzelgängern wie im Vorjahr. Nun sieht man die Tiere nicht mehr und mag glauben, die Landschaft sei wildleer. Doch der Schein trügt: Die noch wenige Tage zuvor deutlich sichtbaren acht bis 30 Rehe haben sich einfach nur verteilt, sie sind noch da. Daran sollten vor allem die Hundebesitzer denken, wenn sie ihren besten Freund in freier Natur von der Leine lassen. Die Ricken sind jetzt hoch trächtig, können auch einem mittelgroßen Hund kaum entkommen.
Im Winter werden Ruhephasen lebenswichtig: Der Winterenergiehaushalt der in Wald und Feld lebenden Tiere ist auf Sparflamme eingestellt. Werden die Wildtiere durch häufige menschliche Störungen zu dauernden Fluchten veranlasst, geraten sie in Stress und verbrauchen vorzeitig die zum Durchstehen des Winters angelegten Fettvorräte. Folge ist, dass die Tiere in ihrer Kondition geschwächt werden und bei einer entsprechenden Dauerbelastung verhungern oder erfrieren. Hier ist es wichtig, die Wildtiere nicht unnötig in deren Ruhephasen zu stören. Das gilt insbesondere für die Wiederkäuer, also die Hirscharten Rotwild, Damwild, Rehwild und für die Hornträger Muffelwild und Gams. Wiederkäuer benötigen mehrstündige Ruhephasen, um die Nahrung wieder in den Äser zu würgen und ein zweites Mal zu kauen. Nur auf diese Weise können sie die aufgenommenen Pflanzen bestmöglich verdauen. Man sollte deshalb auf den öffentlichen Wegen bleiben und nicht quer durch Feldgehölze und Waldungen spazieren, darum bitten die Jäger im Namen des Wildes.
Arndt Westmann