Erna Sülzle ist wegen ihrer ehrenamtlichen Fürsorge Bürgerin des Jahres in Wettmar

Dr. Thorsten Ottlewski überreicht Erna Sülzle, der Bürgerin des Jahres 2011 in Wettmar, einen Blumenstrauß. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Einstimmiges Votum für eine ganz außergewöhnlich hilfsbereite Frau

WETTMAR (hhs). Einmal im Jahr wird in Wettmar eine Bürgerin oder ein Bürger des Jahres gekürt. Der Preisträger bleibt geheim, bis zum Neujahrsempfang, an dem das Geheimnis gelüftet wird. In diesem Jahr wurde Erna Sülzle mit diesem Titel geehrt wegen ihres fürsorglichen Einsatzes in der Ortschaft seit vielen Jahren.
Dr. Thorsten Ottlewski hielt die Laudatio, zu der immer ein Lebenslauf gehört und der in diesem Jahr die Anwesenden gleich im ersten Satz aufmerken ließ: „Unsere diesjährige Bürgerin des Jahres 2011 wurde am 13. April 1935 in Wischniowka in Bessarabien als drittes von insgesamt sechs Kindern geboren“, lautete dieser. Und damit war einigen klar, dass hier eine ganz besondere Lebensgeschichte erzählt werden würde, die in einem beinahe vergessenen Landstrich nördlich des Schwarzen Meeres begann, von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung handeln würde. Am Ende wurde es eine Erzählung, wie sie bald kaum noch möglich sein wird, weil die Zeitzeugen rar werden, aber es war ein Stoff, wie sich ihn gute Filmemacher wünschen.
Zunächst zu Bessarabien: Diese Bezeichnung stammt aus dem Rumänischen und steht für den Landstrich zwischen Pruth und Dnister nördlich des Schwarzen Meeres. 1812 wurde das Gebiet von Russland annektiert. Es entspricht in etwa dem heutigen Moldawien. 1814 wanderten dort neben Menschen anderer Nationen auch 9.000 Deutsche ein und betrieben dort Landwirtschaft. Moldawien war ein Pufferstaat zwischen Russland Rumänien und dem osmanischen Reich. Um 1940 lebten dort etwa 90.000 Deutsche. Infolge des Hitler-Stalin Paktes 1939 wurde Bessarabien von der Roten Armee besetzt und umgehend das Sowjetsystem eingeführt. Nahezu alle Deutsche entschlossen sich zur Auswanderung. Sie wurden unter der Bezeichnung „Volksdeutsche“ unter der Devise „Heim ins Reich“ vom Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle umgesiedelt. Es folgte eine zweijährige Zeit in Lagern, dann wurden den Umsiedlern Bauernhöfe im besetzten Polen zugeteilt, deren ursprünglich polnische Besitzer von den Deutschen Besatzern vertrieben worden waren. 1941/42. Die Familie von Erna Sülzle kam ins so genannte Warthegau bei Lodz. Hier ist sie bis 1945 zur Schule gegangen, bis ihre Familie vor den sowjetischen Truppen fliehen musste. Das fand ein vorläufiges Ende in Kalic nahe Breslau.
Oberschlesien wurde Polen zugeschlagen. Die neuen Herren haben die „Volksdeutschen“ auf LKW`s verladen und nach Deutschland gebracht. Die Familie lebte dann in einem Lager bei Torgau an der Elbe. Dort traf der Vater eines Tages alte Nachbarn aus der Heimat Bessarabien. Diese besorgten eine Zuzugsgenehmigung zu einer Tante, die in Vogelsdorf im Kreis Halberstadt lebte. Erna Sülze besuchte dort wieder die Schule und feierte 1950 ihre Konfirmation.
Nun trat eine Zeit schwerer Krankheiten ein: Rippenfellentzündung, Lungenverschattung forderten lange Krankenhausaufenthalte. Nach dem Schulabschluss begann sie in einem Konsum zu arbeiten, wurde dort von dem Direktor eines Volkseigenen Betriebes entdeckt und angeworben. Erna Sülzle erhielt eine Ausbildung als Stenotypistin. Anschließend sollte sie eine Tätigkeit bei der Volkspolizei übernehmen. Sie entschied sich dagegen und blieb in dem Volkseigenen Betrieb.
Sie wurde dort allerdings vom technischen Leiter für eine Kandidatur für die SED vorgeschlagen. Dieses Ansinnen lehnte Erna Sülzle vehement ab, ebenso die Zwangsmitgliedschaft in der Einheitspartei, die ein Jahr später erfolgt wäre.
Der Druck auf Erna Sülzle stieg, deswegen flüchtete sie am 1. Dezember 1954 in den Westen. Hier kam sie bei Verwandten in Springe unter. Ihre Flucht blieb für die zurück gebliebene Familie nicht folgenlos: Der ältere Bruder, der als Brigadier arbeitete, verlor seinen Job, die Mutter, die ohnehin nur 105 Ostmark Fürsorge erhielt, musste ab Dezember 1954 vollkommen ohne Unterstützung auskommen mit der Begründung, dass man für solche Leute kein Geld mehr hat, deren Verwandte in den Westen abgehauen sind.
In Springe wandelte sich das Blatt: Sie stand vor der Tür von Tante Mariechen, die ihr half. Verwandte in Wettmar, die Familie Kauz, lud sie wenig später als Tischdame für ihren späteren Ehemann zur Hochzeit von Martha und Erich Drews ein. Man habe sich ein paar Mal besucht, bis sie offiziell Weihnachten 1956 den Eltern ihre Ehemanns vorgestellt wurde. Die Hochzeit folgte 1958.
Ihr berufliches Leben hier setzte sie im Schreibwarengeschäft Börges in Burgdorf fort bis zu Geburt ihre Sohnes 1960. Ab 1969 arbeitete Erna Sülzle bis 1969 bei der Firma Groh in Wettmar, wechselte 1971 ins Kreisbauamt nach Burgdorf. Von1974 arbeitete sie im Rathaus in Burgwedel, bearbeitete dort 15 Jahre lang Rentenangelegenheiten. 1994 trat sie in den Ruhestand.
„Nach einem Jahr in den eigenen vier Wänden fühlte Erna Sülzle ganz intensiv, dass ihr der Kontakt zu den Menschen fehlte, um helfen zu können“, fuhr Thorsten Ottlewski fort. In dieser Zeit entwickelte die Geehrte unzählige starke Beziehungen gerade zu alten Menschen, häufig auch demenzkranken Patienten, denen sie sich eng verbunden fühlte, um in deren Hilflosigkeit eine Stütze zu sein. Neben der häuslichen Betreuung nimmt sie auch immer wieder bedürftige Menschen bei sich zuhause auf, um diese intensiv zu unterstützen. Dieser immense, selbstlose Einsatz weit über das berufliche und zwischenmenschliche Maß hinaus war Anlass für die CDU, Erna Sülzle mit einstimmigen Votum zur Bürgerin des Jahres zu wählen.
Die Geehrte ergriff das Wort und führte zunächst aus, dass ihr die Ehrung auch Bauchschmerzen verursache, weswegen sie sich lange dagegen gesträubt habe. Sie sei bekennende Christin und glaube, dass Ehre allein Gott zukomme. „Vor allem das spontane in den Arm nehmen, die Nähe zu gerade alten Menschen füllt mich aus, ja ist mein Leben“, formulierte sie die Triebfeder ihres Handelns. „Meine Mutter wurde damals schwer krank und ich kam nicht mehr rüber, da mehrere Anträge abgelehnt wurden, um ihr zu helfen. Vielleicht ist dieser Umstand, dass ich den Dienst, den ich an meiner Mutter nicht verrichten konnte, Ursache dafür, dass ich dies wenigstens bei anderen heute tun kann“.