Eine außergewöhnliche Hommage an die Weiblichkeit

Weniger als Sozial- vielmehr als Frauenministerin sei sie an diesem Abend hier, betonte Cornelia Rundt mit einem Lächeln und skizzierte deutlich, wie wichtig es sei, Künstlerinnen eine Möglichkeit zur Ausstellung zu bieten, wie es beim Kunstverein geschehe. (Foto: Anna Kentrath)
 
Prächtige Farb-Kompositionen, an den Pop-Art-Künstler Warhol erinnernd, schuf Kerstin Schulz, doch nicht mit dem Pinsel, sondern einem faszinierenden Mosaik aus Preisschildern. (Foto: Anna Kentrath)

Jubiläumsausstellung des Kunstvereins Burgwedel/Isernhagen

ISERNHAGEN (ak). Ein Fest der femininen Seite wurde die Eröffnung der großen Jubiläumsausstellung „der weibliche blick – die ½ Wahrheit“ des Kunstvereins Burgwedel/Isernhagen am Donnerstagabend im Isernhagenhof anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums. In der Scheune, dem Foyer und auch auf dem Außengelände tummelte sich eine Vielzahl von Besuchern, die sich diese ebenso außergewöhnliche wie eindrucksvolle Ballung weiblicher Kunst nicht entgehen lassen wollten.
Die Fokussierung auf Künstlerinnen in diesem Jubiläumsjahr ist eine Reminiszenz an die Gründungsvorsitzende Ulrike Bethusy-Huc sowie deren Nachfolgerinnen Eva Friedrich und Ingrid C. Meyer, wie der 1. Vorsitzende Stefan Rautenkranz in seiner Eröffnungsrede betonte.
Man wolle in diesem Jahr einen „konzentrierten Blick auf die weibliche Seite werfen“, denn auch die Kunstszene sei immer noch von „alten Geschlechterstrukturen“ beherrscht, die es Künstlerinnen auch heute nicht einfach machen würden. Rautenkranz beendete seine Ansprache mit den passenden Worten, er freue sich, „die Frauenquote heute im künstlerischen Bereich mit 100 Prozent erfüllen zu können“.
Großer Besuch aus der Politik gab sich bei der Jubiläumsausstellung die Ehre: Die Sozialministerin Niedersachsens Cornelia Rundt richtete trotz stark in Mitleidenschaft gezogener Stimme das Wort an die Besucher des Abends. Eigentlich sei sie heute vielmehr „in der Funktion der Frauenministerin“ hier. Rundt zeigte sich begeistert vom außerordentlichen Engagement des Kunstvereins, aber auch die besondere Fokussierung auf den weiblichen Blick, da weibliche Beiträge in der Kunst deutlich weniger sichtbar seien als männliche.
Dabei könne sie diese Art der Diskriminierung keineswegs verstehen, schließlich seien mehr als die Hälfte der Studierenden an Kunsthochschulen Frauen, bei den Professorinnen zeige sich jedoch die Problematik deutlich, nur 18 Prozent machen diese im überwiegend männlich geprägten Hochschullehrbetrieb aus.
Neben der Schwierigkeit einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die auch Künstlerinnen betreffe, haben Frauen sich den „Wettbewerbsnachteilen“ zu stellen, die auch auf dem Kunstmarkt vorherrschen würden. Rundt sah in den 35 ausstellenden Künstlerinnen einen „kleinen Mosaikstein“ auf dem richtigen Weg.
Dr. Hendrik Hoppenstedt, Bürgermeister der Stadt Burgwedel, schloss sich dem Lob seiner Vorrednerin an und fügte halb ernst halb scherzend hinzu: „Hier steckt viel Lernpotenzial für einen Mann drin“.
Über 25 Jahre sei der Kunstverein aus drei Gründen eine kulturelle Bereicherung gewesen: 1. besteche der Kunstverein mit einem „facettenreichen“, kulturellen Angebot, 2. überwinde der Verein Berührungsängste, führe an Kunst heran, mache Kunst, so der 3. Punkt, für jedermann erlebbar, zeige „das Kunst nichts Elitäres sei“. Der Kunstverein sei „ein Markenzeichen für unsere Kunstszene“ stellte Hoppenstedt stolz heraus.
Auch der stellvertretende Isernhägener Bürgermeister Wolfgang Hansen brachte seine Anerkennung zum Ausdruck, insbesondere für den herausragenden Flyer zu der Jubiläumsausstellung und stellte in diesem Zusammenhang heraus, hier zeige sich „mein männlicher Blick, auf den weiblichen Blick: einfach schön – es schmeichelt dem Auge, schmeichelt den Sinnen“.
Den letzten Wortbeitrag übernahmen die Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Isernhagen, Mona Achterberg und der Stadt Burgwedel, Sandra Ahnen. „Kunst und Kultur ist ein Grundbedürfnis der Menschen“, stellte Achterberg heraus und verwies auf den auffälligen Tatbestand, dass bei kulturellen Veranstaltungen, abgesehen von Heavy Metall-Konzerten, ein vorwiegend weibliches Publikum anzutreffen sei. Auch gäbe es einen überwiegenden Anteil von Künstlerinnen, „nur werden sie nicht so häufig gehört“.
Sandra Ahnen hatte sich für die gemeinsame Ansprache mit der Frage nach den Frauen in der Kunst beschäftigt. Bei einer Google-Suche im Internet sei deutlich geworden, dass überwiegend Männer bei dieser Fragestellung zu Wort kämen und Frauen in der Geschichte der Kunst oftmals die künstlerische Begabung abgesprochen worden sei.
„Der weibliche blick“ setzt an diesem Wochenende zu der jahrhundertelangen Diskriminierung weiblicher Kunst einen kraftvollen Kontrapunkt. Von Langeweile keine Spur – Vielfalt ist Programm! An die 150 Künstlerinnen hatten sich nach der Ausschreibung des Kunstvereins Burgwedel/Isernhagen für diese außergewöhnliche Ausstellung beworben und das Ergebnis, die Werke der ausgewählten 35, können sich sehen lassen.
Faszinierende Eye-Catcher lenken das Auge, so die schwebenden Rahmen der Hannoveranerin Kerstin Schulz mit leuchtend farbigen Nachbildungen bekannter Werke wie Da Vincis „Mona Lisa“ oder Klimts „Der Kuß“, die sich aus einem Mosaik von Preisschildern, vom Rot-Orangenen „Sonderpreis“ bis Neon-Gelben „Reduziert“, zusammensetzen.
Eine weibliche Adaption des weltbekannten „Bruderkusses“ zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew von Dmitri Wladimirowitsch Wrubel – im Original auf der East Side Gallery Berlin zu finden – schuf die Berlinerin Esther Fritsche auf hängenden Rundformaten. Verschiedene Konstellationen des Kusses sind im Isernhagenhof zu sehen. Es stellt sich die Frage nach dem Geschlecht der abgebildeten Küssenden, doch ist diese nicht immer einwandfrei zu beantworten.
Auch heimische Künstlerinnen bereicherten die Vielfalt der geballten künstlerischen Weiblichkeit, so wie Rosemarie Gaede aus Isernhagen, deren zwei Bilder sich mit der körperlichen Endlichkeit beschäftigen. Linker Hand zeigt sich abstrahiert die lebendige Präsenz der „Madame Chauchat“, Figur aus Thomas Manns Zauberberg, rechter Hand die sich „verlierende Erinnerung“ nach ihrem Tode, geschaffen aus vielfach bearbeitetem Transparentpapier, als Zeichen für die menschliche Haut.
Der Vergänglichkeit entgegen strebend schält die Isernhägenerin Maren Pranke aus der warmen Lebendigkeit des Holzes, der natürlichen Maserung folgend, zeitlose Objekte, die eine beindruckende Ruhe ausstrahlen. Die Dritte im Bunde, die Burgwedelerin Elke Wiechmann, hingegen wählte die Malerei in kleinen Formaten und führt dunkel und geheimnisvoll durch die Stadt Istanbul.
Diese abwechslungsreichen, weiblichen Perspektiven können Besucher noch bis einschließlich Pfingstmontag, den 20. Mai 2013 von 11.00 bis 17.00 Uhr in Augenschein nehmen. Der Eintritt ist frei. Man darf gespannt sein, welche weiblichen Blickwinkel der Kunstverein in diesem Jahr noch präsentieren wird, denn das ganze Jubiläumsjahr ist eine Hommage an die Weiblichkeit, eine Möglichkeit für verschiedene Künstlerinnen, sich und ihre Arbeit zu präsentieren.