Ein eher vergnüglicher Abend zum Thema Integration

Viele Käufer ihres Buches wünschten ein Autogramm der Autorin Lale Akgün. (Foto: Renate Tiffe)

Lesung von Lale Akgün: „Integration findet täglich statt“

GROSSBURGWEDEL (ti). Sie kam 1953 als Neunjährige mit ihrer Familie von Istanbul nach Moers am Niederrhein und lebt seit Langem in Köln.
Dr. Lale Akgün ist Medizinerin und Psychologin, gehörte von 2002 bis 2009 dem Bundestag an und leitet seit 2010 das Referat für internationale Zusammenarbeit im Nordrhein-Westfälischen Familien-Ministerium. Im Rahmen der Interkulturellen Woche las sie im Amtshof aus ihrem Buch „Tante Semra im Leberkäseland“, das zurzeit verfilmt wird.
„Türken sind anders - Deutsche aber auch“ steht als Motto über ihrem Buch. Ihre Geschichten aus einer türkisch-deutschen Familie handeln davon. Etwa wenn in "Zarte Bande“ erzählt wird, wie die Familie einer Einladung in der Nachbarschaft folgt und sich unvermittelt in einem Bibelkreis wiederfindet. Mit Leichtigkeit aber nicht ohne Tiefgang und viel Sinn für die Komik einer Situation schildert Lale Akgün aufschlussreich Alltägliches aus dem Zusammenleben.
Klar wird, dass ihre Familie - hier wie in der Türkei - eine große Rolle spielt. Bei allem dabei ist Tante Semra, eine Cousine des Vaters, ein heiteres Naturell, sozusagen das ausgleichende Element im Elternhaus und phantasievoll, was die Unterschiede unter den Kulturen angeht.
Nur vordergründig kritisch wird es, als Tante Semra nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nach Mekka reist und eine Hadschi wird, die nun unbedingt die fünf Säulen des Korans einzuhalten hat. Den Ramadan umgeht sie mit einer Kreuzfahrtreise. Aber was ist mit der Vermeidung von Schweinefleisch? Tante Semra macht den Leberkäse zu ihrer Leibspeise, der ihrer Definition nach aus Leber und Käse gemacht wird.
Mit viel Humor und einer Prise Ironie sind die Geschichten von Lale Akgün gewürzt. Dazu kommt ihr Temperament beim Vorlesen. Für die etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörer im Amtshof ist es ein eher vergnüglicher Abend zum ernsten Thema Integration. Aber auch das Schwierige kommt nicht zu kurz.
„Fragen Sie mich“, ermuntert die Frau, die 1980 die deutsche Staatsbürgerin annahm, das Publikum. Sie gibt zu, dass ihre Eltern weder aus wirtschaftlichen noch aus politischen Gründen einreisten, sondern eher aus Abenteuerlust ihres Vaters, der Zahnarzt war.
„Ich lebe seit mehr als 50 Jahren in diesem Land“, antwortet sie dann, „und in dieser Zeit hat sich hier viel verändert“. Beide Seiten müssten die Normalität annehmen, meint sie. Wichtig sei, dass jeder sich als Teil des Ganzen versteht und ausspricht, was ihn stört. Dann könne man beispielsweise auch über Salafismus reden. Alle Extreme, alle undemokratischen Entwicklungen müssten bekämpft werden. Das ginge, wenn alle offen miteinander umgehen.
Ein Zuhörer türkischer Abstammung, der schon 26 Jahre in Großburgwedel lebt, fragte die Autorin, was ihr am meisten positives bzw. am meisten negatives Erlebnis in Deutschland gewesen sei. Lale Akgün brauchte nicht lange zu überlegen. „Integration findet doch täglich statt“, sagte sie. Jeder Tag arbeite zugunsten des neuen Landes, wenn man nicht versucht, sich künstlich herauszuhalten. „Iss so“, bekräftigte sie ihre Aussage - wie so oft an diesem Abend.