Die Turmfalken sind zurück

Die jungen Turmfalken in der Mauernische der Mühle der Familie Künstler. (Foto: Wilfried Künstler)
 
Der Balkon der Mühle mit den vielen Geräuschen aus dem Wohnbereich war den Falken nicht geheuer. (Foto: Wilfried Künstler)

Seit 40 Jahren brüten die wendigen Greife im Mühlengebäude der Familie Künstler in Engensen

Engensen (r/bs). Seit nunmehr 41 Jahren bewohnt die Familie Künstler das ehemalige Mühlengebäude am Westrand von Engensen. Damals übernahmen sie ein Turmfalkenpaar zur Untermiete, das es sich in einer Mauernische auf etwa elf Meter Höhe bequem gemacht hatte. Jedes Jahr zog an dieser Stelle ein Turmfalkenpaar seinen Nachwuchs auf.
In gleicher Regelmäßigkeit entbrannte im Frühjahr ein Kampf um die begehrte Mauernische. Dabei musste der Standort nicht nur gegen andere Turmfalken, sondern auch gegen einen Roten Milan verteidigt werden. Selbst die Katze im Hause Künstler, die öfter mal auf einem Zaunpfahl saß, um nach Mäusen auf dem benachbarten Acker Ausschau zu halten, wurde zur Brutzeit durch Angriffsflüge der Turmfalken vertrieben.
Wenn die jungen Turmfalken flügge wurden, konnte Familie Künstler sie bei den ersten Flugversuchen beobachten, bei denen sie das Dach der Mühle und die höheren Bäume auf dem Mühlengrundstück ansteuerten. Auch war es dann möglich, die ansonsten scheuen Tiere aus einem Fenster im Obergeschoss aufs Foto zu bannen. Hin und wieder wurden auch kleine Turmfalken gerettet, wenn sie sich in ihrer Neugier mal zu weit aus der Mauernische gewagt hatten und „abgestürzt“ waren.
Um die Turmfalken nicht zu stören, wurde der Mühlenanstrich, der etwa alle 8-10 Jahre fällig wird und für den die Mühle eingerüstet werden muss, in die Monate nach der Brutzeit verlegt. Nachteil der Untermieter war allerdings, dass das neu gestrichene Mühlengebäude schon im nächsten Jahr wieder im wahrsten Sinne des Wortes „beschissen“ aussah, zumindest im Bereich der Mauernische. Ein unterhalb der Mauernische angebrachtes Brett konnte das nur unzureichend verhindern.
Dann kam das Jahr 2020. Die Koexistenz hatte nun schon 39 Jahre gehalten und schickte sich an, das 40. Jahr zu erreichen. Anfang April entfachte sich wie alljährlich wieder der Kampf zwischen mindestens zwei Falkenpaaren um die Mauernische und es sollte alles seinen gewohnten Gang gehen.
Aber plötzlich wurde es still in der Mauernische. Von unten konnte man einen kleinen Zweig sehen, der aus der Mauernische herausragte, für Turmfalken eigentlich unüblich. Sie halten sich nicht lange mit dem Nestbau auf, sondern legen die Eier direkt auf den Boden der Mauernische, manchmal mit ein paar Flaumfedern unterfüttert.
Beim Reinigen des Teils der Mauer unterhalb der Mauernische, kam plötzlich ein Eichhörnchen aus der Mauernische, das dann in der benachbarten Eiche verschwand. Bei der Kontrolle der Mauernische mittels einer Stabkamera fand sich ein unbewohnter Kobel, in dem das Eichhörnchen wohl seinen Nachwuchs aufziehen wollte. Ob sich der Nesträuber zu diesem Zweck auch das Gelege der Turmfalken einverleibt hat, kann man nur vermuten. Jedenfalls waren die Turmfalken nicht mehr zu sehen und zu hören.
Die ungefragte und damit unberechtigte Okkupation wurde dadurch beendet, dass der unbewohnte Kobel entfernt und die Fallrohre der Regenrinne, an dem das Eichhörnchen die Mauernische erklommen hat, mit Mardersperren versehen wurden.
Die Hoffnung wurde im nächsten Frühjahr allerdings jäh zunichte gemacht, als dort Ende Februar, Anfang März ein Taubenpaar entdeckt wurde. Die Kontrolle mit der Stabkamera ergab ein flauschiges Taubenjunges, was man zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht erwartet hätte. Es wuchs  schnell heran und war Ende März bereits ausgeflogen. Noch bevor der begehrte Brutplatz für den gewünschten Untermieter vorbereitet war, hörte Familie Künstler schon die Rufe der Turmfalken, die offensichtlich wieder den Einzug planten.
Die Turmfalken umkreisten wieder das Mühlengebäude, doch ob auch gebrütet wurde, ließ sich nicht herausfinden. „Die Kontrolle mit der Stabkamera musste ausfallen. Damit hätten wir die scheuen Tiere schnell wieder vertrieben“, erzählt Wilfried Künstler. 
Umso größer die Freude als Ende Juni plötzlich ein flauschiges Turmfalkenjunges aus der Mauernische hervorlugte. Die Kontrolle mit dem Fernglas ergab, dass dort mehrere Jungvögel wohnten. Sie waren schon relativ groß und hatten fast die Größe der Eltern erreicht.
In den folgenden Tagen konnte Familie Künstler aus der Ferne erleben, wie die ersten Flügelschläge geprobt wurden. Insgesamt vier Jungvögel hatte das Turmfalkenpaar zu versorgen und in der Mauernische wurde es verdammt eng. 
Es dauerte nicht lange und der Nachwuchs suchte sich den Balkon am Dach der Mühle als Futterplatz aus. Doch die Geräusche aus dem Innern der Mühle waren den Jungvögeln nicht geheuer und so wurde ein verlassenes Taubennest auf der höchsten Fichte auf dem Grundstück als neues Domizil gewählt.
Auf der Spitze der Fichte saß meist noch ein Elternteil und hielt Wache. Laufend wurde Beute von einem Elternteil abgeliefert und der Kampf um die Mäuse entbrannte zwischen den Geschwistern, die nun aber auch nach und nach in die Kunst des Jagens eingeführt wurden.