Die paradoxe Welt des Friedrich Dürrenmatt

Die resolute Oberschwester Marta Boll (Verena Bähr) setzte Kriminalinspektor Richard Voß (Martin Steidl) ganz schön zu, indem sie ihn in die paradoxe Welt der Irrenanstalt einführte, in der ein Mörder erst einmal sein Geigenspiel beenden darf. (Foto: Anna Kentrath)
 
Laura Schulz spielte die Leiche der Krankenschwester Irene Staub. Während die Zuschauer ihre Plätze suchten, hielt die junge Frau ihre Rolle durch ohne mit der Wimper zu zucken. (Foto: Anna Kentrath)

Premierenwochenende der Theater AG des Gymnasiums

GROSSBURGWEDEL (ak). Ein „Spiel von Verwechslung, Scheinidentität, Verwirrung, Verunsicherung“, wie es im Programmheft hieß, erwartete die Zuschauer am Premierenwochende der Theater AG des Gymnasiums Großburgwedel. Eines der wohl bekanntesten Stücke Friedrich Dürrenmatts stand auf dem Spielplan: „Die Physiker“. Bereits am Samstagabend strömten zahlreiche Zuschauer in die Aula des Gymnasiums, Auf der Ramhorst, und auch am Sonntagnachmittag konnten sich die Akteure über gut gefüllte Zuschauerreihen freuen.
Paradox wirkte auf die ankommenden Besucher des Abends bereits der erste Blick auf die Bühne. Beim Suchen der Plätze fiel dem ein oder anderen noch gar nicht auf, dass das Stück bereits begonnen hatte. Die Vorhänge waren geöffnet, ein Wohnzimmer von dem drei Türen abgingen, zeigte sich dem Zuschauer und mitten auf der Bühne, neben einer umgestürzten Stehlampe, lag die Leiche Irene Staubs (Laura Schulz), Krankenschwester des Irrenhauses, oder von Dürrenmatt vornehmer ausgedrückt „des privaten Sanatoriums ‚Les Cerisiers‘“.
Die Lichter gingen aus und auf zwei Leinwänden links und rechts der Bühne zog das Bild eines sommerlich grünen Parks dahin, der Wind bewegte seicht die Blätter und aus dem „Off“ drang eine Männerstimme (Wolfgang Grüne), die, den Regieanweisungen des ersten Aktes folgend, in die Szenerie einführte. Dem Besucher kamen die Bilder verwirrend vertraut vor, insbesondere als am Ende des einführenden Films ein weißes Gebäude in den Vordergrund trat, der vermeintliche Ort der Handlung, das Irrenhaus oder doch das Rathaus der Stadt Burgwedel?
Die Leinwände ermöglichten nicht nur ein stimmungsvolles Einfinden in die Szenerie, sondern auch den hinteren Reihen, das Agieren der Schauspieler auf der Bühne genauestens mit verfolgen zu können. Dominierte Dürrenmatts Handlung das Groteske, Paradoxe, die Verwirrung und vor allem eine „schlimmstmögliche Wendung“, wie es in den 21 Punkten zu den „Physikern“ heißt, so zeichnete sich die Aufführung der Theater AG wieder einmal durch hohe Professionalität aus, die organisierte Zusammenarbeit aller Teilnehmer, vom Service in der Pause über die Maske, Kostüme, das Bühnenbild, die Technik und schließlich natürlich das Schauspiel. Kriminalinspektor Richard Voß, gespielt von Martin Steidl, hätten jedem „Tatort“ zu Ehren gereicht und auch die Herren Physiker Newton (Jan-Hendrik Krüger), Einstein (André Sperber) und Möbius (Marc Nowak) begeisterten die Zuschauer und nahmen sie mit in ihre paradoxe Welt der Irrenanstalt, in der nichts so ist, wie es zu Anfang scheint.
Grotesk komisch, nicht aber „absurd (sinnwidrig)“, wie Dürrenmatt selbst heraus stellt, thematisiert das Drama „Die Physiker“ die Verantwortung des Menschen gegenüber dem technologischen Fortschritt. Kernphysiker Möbius flüchtet sich in der Maskerade des Irrsinns in eine psychiatrische Privatklinik, um seine, den Fortbestand der Welt bedrohende Erfindung als Hirngespinst eines Verwirrten zu diffamieren, um einen möglichen Missbrauch der Erkenntnis zu verhindern. Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“, angesichts der Bedrohung des atomaren Wettstreits geschrieben, hat auch heute an Aktualität nicht verloren, in Zeiten, in denen sowohl die friedliche Nutzung der Kernkraft ebenso ein umstrittenes Thema ist, wie eine ständige, mögliche nukleare Bedrohung durch Staaten wie Iran oder Nordkorea.
Wer in die paradoxe Welt der Physiker eintauchen möchte, dem bietet sich am heutigen Mittwoch, den 15. sowie kommenden Freitag, den 17.Dezember jeweils um 19.30 Uhr die Möglichkeit in der Aula des Gymnasiums Großburgwedel. Karten sind (6 - 9 Euro) bei der bekannten Vorverkaufsstelle sowie in der Bibliothek des Gymnasiums erhältlich.