„Die Kirche im Dorf lassen“ - 50. Geburtstag der Thönser Kapelle

Pastor Karl-Heinz Friebe aus Brelingen, Beauftragte der Landeskirche für den ländlichen Raum, hielt den Festvortrag. (Foto: Renate Tiffe)
 

„Kapelle mitten im Dorf ist geradezu eine grandiose Einrichtung“

THÖNSE (ti). Sie wurde bewusst mitten im Dorf gebaut und das Gebäude befindet sich jetzt im Eigentum der Stadt Burgwedel, nachdem es vorher der Gemeinde Thönse gehört hatte. Mit diesen Besonderheiten konnte die Kapelle in Thönse gut bestehen. Jetzt wurde ihr 50. Jubiläum gefeiert. Anwesend waren die hohen Repräsentanten von Stadt und Kirche, Bürgermeister Dr. Hendrik Hoppenstedt und Superintendent Martin Bergau, sowie neben Ortsbürgermeister Heinz-Theo Rockahr Mitglieder der politischen und der kirchlichen Gemeinde.
Die Kirche im Dorf lassen. Von dieser Redensart ging Pastor Wilfried Karneboge von der St. Marcus-Kirche in Wettmar, zuständig auch für die Kapelle in Thönse, in seiner Ansprache aus. Nicht gemeint war die übertragene Bedeutung im Sinne von „Übertreibung“, die dieser kleinen Kirche ohnehin fremd ist. Die Kirche im Dorf erleichtere die Wege ins Zentrum, ist das Merkzeichen einer anderen Wirklichkeit in der Gegenwart, mit dem Kreuz vor Augen, legte Karneboge dar. Die Botschaft lohne sich, in dieses Haus zu kommen, auch für diejenigen, die nicht christlichen Glaubens sind und er erbat Gottes Segen dafür, dass dieses Miteinander weiter gelingt.
Als eine gute Entscheidung der früheren Ratsleute bezeichnete Hendrik Hoppenstedt den Standort in seiner  persönlich gehaltenen kurzen Rede. Vom vielfältigen Gebrauch in der Kapellen-Tradition kam Superintendent Bergau auf die Nutzungsvielfalt heute zu sprechen, nach wie vor mit der Pflege des geistlichen und spirituellen Lebens. Ein Ort zum Weinen und Lachen, zum Staunen und für die Stille sei die Thönser Kapelle.
Umrahmt wurde die Feier von Gesang und Orgelspiel und der Musik vom Bläserkreis St. Marcus unter der Leitung von Rolf Lührs.
Nicht von ungefähr war Pastor Karl-Heinz Friebe aus Brelingen, der Beauftragte der Landeskirche für den ländlichen Raum, eingeladen worden, in einer Art Festvortrag seine Gedanken zur Zukunft der Kirche mitzuteilen. Entgegen der Tatsache, dass hierzulande noch jeder zweite auf dem Lande lebt, und damit Umfragen zufolge zufriedener ist, als viele Menschen in den großen Städten, spiele der ländliche Raum kaum eine Rolle im öffentlichen Bewusstsein, und wenn dann eher eine widersprüchliche, meinte der engagierte Landpfarrer. Das Dorf habe es nicht leicht, weil es in seiner Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit schwer zu fassen sei. Aus der Fernsicht ergeben sich auch bestimmte Bilder vom Miteinander der Menschen. Sie stimmen zum mindesten dann nicht, wenn sie die Landwirtschaft betreffen, die einst die Dörfer prägte und heute nur noch vereinzelt auf den Höfen betrieben wird. Das romantisierende Bild, wie es auch im Fernsehen und in zur Zeit boomenden Zeitschriften zu sehen ist, hat mit der Realität nichts zu tun – schafft aber Zwietracht mit Neuzugezogenen. Ohne Kenntnis der Entwicklung werde leicht von „der industriellen Landwirtschaft“ gesprochen, wo es doch nach wie vor um Familienbetriebe ginge, die nicht selten heute ums Überleben kämpfen. Und denen das Leben schwer gemacht wird, beispielsweise wenn sie neu angelegte Straßen mit ihren Ackergeräten nicht mehr befahren können, große Ställe bauen oder gar Biogasanlagen. Seit Jahrhunderten mit den Geschicken des Dorfes eng verbunden, kommen sich bäuerliche Familien heute oft fremd vor dort. Der Kirche komme es zu, die Tradition des Dorfes mit zu wahren, mit seinen sozialen und emotionalen Netzwerken.
In Thönse - wo zur Zeit die geschilderten Phänomene besondere Probleme schaffen - sei die Kapelle mitten im Dorf geradezu eine grandiose Einrichtung, zu der er nur gratulieren könne, sagte Friebe.