Die Dohle ist der Vogel des Jahres 2012, weil die Brutplätze fehlen

Um St. Petri in Großburgwedel und auf dem Schulhof der Grundschule dort kann man Dohlen jeden Tag beobachten. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Baunischen in luftiger Höhe wurden häufig weg saniert

GROSSBURGWEDEL (hhs). Die Dohle kommt in diesem Jahr zu ganz besonderen Ehren: Diese Vogelart wurde im Herbst zum „Vogel des Jahres 2012“ gekürt. Nun sind Dohlen keinesfalls selten, wie man wegen der Wahl meinen könnte. Sie verfügen über ein riesigen Verbreitungsgebiet vom zentralasiatischen Steppengürtel über Europa bis in den nordafrikanischen Atlas. Wenn man nach der Größe der Gesamtpopulation forscht, lauten die niedrigsten Angaben „im zweistelligen Millionenbereich“ bis etwa 80 Millionen.
Dennoch fiel die Wahl auf sie. Die Vogelschutzverbände Österreichs, Bayerns und der NABU Deutschland begründeten die Wahl so: „Durch Sanierungs- und Abrissmaßnahmen in Westeuropa verschwanden jedoch vielerorts Brutplätze der Dohle, woraufhin lokale Populationen zurückgingen oder abwanderten“. Man will also mit der Auswahl sensibilisieren, bevor „der Baum für die Dohlen richtig brennt“.
Dohlen bevorzugen offene und halboffene Landschaften mit ausreichend geeigneten Brutplätzen. Sie bauen ihre Nester in Höhlen, Nischen oder Gebäuden, die alle über hohe Schutzqualitäten gegen Witterungsunbilden und Nesträuber verfügen müssen. Und sie lieben ihre Brutgebiete besonders, wenn es dort viele Brutplätze gibt, denn dann bildet die Art dort richtige Kolonien.
An diese Vorliebe der Dohlen wurde in den vergangenen Jahren selten gedacht. Kirchsanierungen bedeuteten für die Dohlen: Nischen in luftiger Höhe am Turm wurden „weg saniert“. In den bewirtschafteten Forsten wurde kaum ein Bestand so alt, dass es ausreichend Höhlen der Schwarzspechte für die Dohlen gab, um nur zwei Beispiele zu nennen. Aber die Jahrhunderte alten Parkanlagen boten diesen Vögeln besondere Möglichkeiten: Hohe, alte Bäume mit Spechthöhlen darin oder mit Löchern, die von Astabbrüchen stammen. Alles eignet sich für Dohlen, wenn sie nur ein sicheres Dach über dem Kopf finden. Deswegen kommen sie in die Städte.
Dohlen zählen zu den Rabenvögeln und damit zu den Singvögeln. Das ist schwer nachzuvollziehen, wenn man diese Gruppe nicht richtig kennt. Alle Raben krächzen eher, als dass sie singen. Der Kolkrabe ist der größte Vertreter, sowohl der Raben und Krähen als auch der Singvögel.
Ihm zur Seite stehen Rabenkrähe, Nebelkrähe und Saatkrähe, gefolgt von unserer Dohle und der Alpendohle, Elster, Eichelhäher und Tannenhäher. Alles Raben, die meisten von ihnen mit tiefschwarzem Gefieder, oder schwarz-weiß. Bunt allein sind die beiden Häherarten. Unsere Dohle ist schwarz mit einem silbrigen Kopf und hellen Augen. Wie alle Rabenvögel leben die Dohlen monogam. Zu Beginn des zweiten Lebensjahrs verpaaren sie sich, erst im dritten Jahr beginnen die Paare dann ihre erste Brut. Vier bis sechs Eier, manchmal mehr, 18 Tage Brutzeit, dann dauert es knapp sieben Wochen, bis die Jungen ausfliegen. Es wird immer wieder von Dohlen berichtet, die nachweislich ein geradezu biblisches Alter erreichen: Mehrfach werden in der Literatur 20 Lebensjahre gemeldet.
Rabenvögel gelten gemeinhin als intelligent, schlau und lernfähig. Ein besonders liebenswertes Zeugnis darüber hat Hermann Löns dem Kolkraben Jakob ausgestellt. Man kann diese beiden Eigenschaften vielleicht auf die Tatsache zurück führen, dass das Verhältnis ihrer Gehirnmasse zum Körper weitaus größer ist als bei anderen Vögeln. Und Dohlen sind lernfähig: Bei Exemplaren, die im menschlichen Umfeld leben, hat man festgestellt, dass diese die Klingeltöne von Handys nachahmen. Dazu muss man wissen: Ein Teil des Gesangsrepertoires ist angeboren und besteht aus klangvollen, oft metallisch hart klingenden Lauten wie ein kurzes „Kja“ oder „Schack“. Einen anderen Teil erlernen die Vögel im Verlauf ihres Lebens über Umwelteinflüsse.
Die angeborenen Gesänge sind wichtig zur Reviermarkierung und zur Partnerwahl. Der Teil der variablen Gesänge dient dazu, die Stimme zu trainieren, um damit Artgenossen zu täuschen. Die Übernahme der piepsigen Klingeltöne von Mobiltelefonen eignet sich für die Dohlen, da sie ihrem Tonspektrum beinahe voll entsprechen. Um St. Petri in Großburgwedel und auf dem Schulhof der Grundschule dort kann man Dohlen jeden Tag beobachten. Auf dem Grundschulhof gibt es dort an jedem Schultag auch einen Beweis für die Lernfähigkeit der Dohlen: In den großen Pausen beobachten die Vögel das Treiben auf dem Schulhof aus sicherer Entfernung vom Schuldach oder den umstehenden hohen Bäumen. Sobald die Kinder wieder im Gebäude verschwunden sind, fallen die Dohlen wieder auf dem Schulhof ein und sammeln die Reste der Schulbrote ein.