„Der Mauerschütze“ transportiert ein verdrängtes Kapitel Deutscher Geschichte in die Gegenwart

Annika Kuhl (u.a. bekannt aus „Sonnenallee“) nach den Dreharbeiten: Zuerst wechselte die Schauspielerin die Schuhe. (Foto: Hans Hermann Schröder)
 
Kaum waren die Dreharbeiten beendet, da begannen die Mitarbeiter mit Windeseile ihre Ausrüstung zu verstauen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Fortsetzung von Seite 1/ „Standortvorteile“ sprachen für die Tankstelle in Fuhrberg

FUHRBERG (hhs). Nun wartete alles auf das Eintreffen der beiden Schauspieler Benno Fürmann und Annika Kuhl. Unterdessen erzählte Thomas Krischker, wie es zur Beteiligung seiner Tankstelle an dem Film kam: Die Produktionsfirma habe nachgefragt, ob es im Grundsatz möglich sei, eine Szene des Films dort zu drehen. Dafür müsste der Kundenbetrieb für etwa drei Stunden eingestellt werden. Die Tankstelle sei als Drehort für die Szene besonders geeignet, weil sie als „Freie“ nicht von Werbung überfrachtet sei. Man wolle schließlich nicht noch Werbung für die Branchenriesen machen. Zudem gebe es hier gute Möglichkeiten, den Tross der Fahrzeuge direkt in der Nähe zu parken, ohne das sie bei den Dreharbeiten auffallen.
Schließlich fuhr ein Wohnmobil vor und dem entstiegen Annika Kuhl und Benno Fürmann. Schnellen Schrittes entschwanden die beiden in den Kassenraum, gefolgt von Kameramann, Tonmeister, Regisseur und noch etwa zwölf Mitgliedern des Aufnahmeteams. Die Tür schloss sich hinter allen, in dem nicht gerade übergroßen Raum muss eine bedrückende Enge geherrscht haben. Aus den Funkgeräten hallte es wieder „Kamera läuft“, alle Geräusche erstarben für etwa sieben Minuten, dann quäkte es aus den Lautsprechern „Kamera aus“, es ging die Tür auf, damit frische Luft in den Raum gelangte. Eine Dame, die offenbar für die Schminke zuständig war, lief hinein und war nach zwei Minuten wieder draußen. Dann hieß es wieder „Kamera läuft“, alles noch einmal von vorn, und schließlich noch ein drittes Mal.

Am Mittwoch vergangener Woche haben in Niedersachsen und
an der Ostsee die Dreharbeiten für das hochkarätig besetzte
Fernsehspiel „Der Mauerschütze“ von NDR und ARTE begonnen. Regisseur Jan Ruzicka realisiert nach einem Buch von Hermann Kirchmann, Scarlett Kleint und Alfred Roesler-Kleint diesen TV-Film. Es spielen unter anderem Benno Fürmann, Annika Kuhl und Lotte Flack.
Zum Inhalt: Ihr Mann wurde erschossen und auch sie hätte beinahe
ihr Leben verloren durch einen Mauerschützen 1989. Als sie sich 20
Jahre später an der Ostsee begegnen, spüren sie etwas füreinander.
Sie: Weil sie endlich die Zukunft festhalten will. Er: Weil er
endlich mit der Vergangenheit abschließen will. Silke Strelow, 38,
ist allein erziehend, selbstständig und besitzt einen Fischkutter und eine
kleine Pension am Meer. Sie hat endlich festen Boden unter den Füßen
gefunden, nachdem auf sie geschossen wurde, nachdem sie an der Mauer
ihren Mann verloren hat. Stefan Powas, 39, lebt seit 1989 in
Hannover. Mediziner. Alles ist ihm seit dem Fall der Mauer
zugeflogen, eine Karriere, eine Frau. In seiner neuen Heimat weiß
niemand, dass er ein Mörder ist. Doch so sehr die Liebe zwischen
Silke und Stefan auch wächst, so sehr wachsen auch die Hinweise auf
ihre gemeinsame, tragische Vergangenheit ... . Mehr mochte der NDR über diesen Fernsehfilm nicht preisgeben.
Man darf gespannt sein auf diesen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung dieses beinahe blinden Flecks in der Deutschen Geschichte. Fast fünfhundert Menschen haben an der deutschen Demarkationslinie ihr Leben verloren durch den Schießbefehl und durch Selbstschussanlagen und Minen. Nach dem Fall der Mauer wurde versucht, die Verbrechen an der Mauer juristisch aufzuarbeiten. 35 Angeklagte wurden freigesprochen, 44 zu Bewährungsstrafen und elf zu meist geringen Haftstrafen verurteilt.
"Der Mauerschütze" ist eine filmpool-Produktion im Auftrag von NDR
und ARTE. Produzent ist Hermann Kirchmann.
Dann hieß es „Kamera aus, abbauen“. Die beiden Schauspieler verließen den Drehort und kamen nach draußen, Getränke wurden gereicht. Annika Kuhl wechselte zuerst ihre Schuhe und schlüpfte in etwas Bequemeres. Dann rauchte man gemeinsam und auf den Gesichtern war allenthalben Zufriedenheit zu lesen. Es sei schnell gegangen, freute sich auch ein Teamkollege. Das gehe nicht immer so fix, aber „der Benno und die Annika, das seien schon echt Profis“, sagte er anerkennend. Und dann ging alles ganz schnell: Die LKW fuhren vor waren ruckzuck beladen und dann war der Trubel vorüber.
In Fuhrberg selbst war dieser beinahe überhaupt nicht aufgefallen. Nur ein Gast des benachbarten Imbisses beschwerte sich, weil dieser von den großen Fahrzeugen zu geparkt sei. Aber die wohl nett gemeinte Wichtigtuerei kam zu spät, man war ohnehin schon beim allgemeinen Abschied. Am späten Nachmittag dann unterhielten sich einige Mitbürgerinnen und Mitbürger darüber, ob überhaupt schon einmal ein großes Filmteam in Fuhrberg gedreht habe. Einmal schon, 1979: Damals war Bundespräsident Karl Carstens in Flensburg zu einer Wanderung zum Bodensee über den „E1“ gestartet. Im Verlauf der Tour kam er durch Fuhrberg, zwangsläufig, denn der Weg führt durch den Ort. Damals war ein Fernsehteam dabei, wie es sich gehört, wenn ein Bundespräsident wandert, und vielleicht auch, damit man ihn erkennt.