„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus...“

Pünktlich zum Wonnemonat zeigen die Maiglöckchen ihre ersten Blüten. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Maibräuche gehen bis in die Keltenzeit zurück

ALTKREIS BURGDORF (hhs). Warum zieht es die Menschen scharenweise seit Jahrtausenden zu Beginn der warmen Jahreszeit hinaus ins Freie? Die sinnvollste Antwort darauf ist sicherlich: Vorher war es zu kalt, um sich wohlzufühlen, und: Wenn man nun hinausgeht, wird das zum ganz besonderen Genuss. Innerhalb von gut drei Wochen verändert sich das Antlitz der Natur von Grund auf, aus den in der kalten Jahreszeit vorherrschenden dunklen Farben wird fröhliches hoffnungsvolles Grün. Das hat die Menschen immer fasziniert. Nun war die Zeit gekommen, die kalte Jahreszeit zu vertreiben und die Lust am Leben wieder zu finden.
Und beides geschah immer mit einem scharfen Schnitt: An einem Tag wurden die finsteren Dämonen vertrieben, mit Feuer, Lärm und Beschwörungen, am nächsten Tag begrüßte man das neue Leben, ging hinaus auf die Felder und vollzog Fruchtbarkeitsriten für eine gute Ernte. Dabei wurden zu keltischen und germanischen Zeiten Mairuten aufgestellt, die Vorläufer der heutigen Maibäume, um ein Beispiel für die lange Tradition dieser heutigen Bräuche zu nennen.
Aus dem ersten Tag, der Dämonenvertreibung, wurde später die Walpurgisnacht. Hier trafen sich die Hexen nach Vorstellung der Menschen damals auf einem Hexentanzplatz. Sie flogen auf Besen, Forken oder Katzen dorthin, so der Aberglauben. entzündeten ein Feuer, tanzten im Kreis mit dem Rücken drumherum und flogen schließlich weiter zum Blocksberg, dem Brocken, um dort den Teufel zu treffen. So ein Tanzplatz soll auf dem Wurmberg, ein anderer bei Thale im Harz gelegen haben. Dort findet immer noch, heute allerdings als Spektakel zur allgemeinen Unterhaltung,, jedes Jahr die entsprechende Feier statt. „Heute tanzt der Teufel“, so der Werbeslogan für 2011. Goethe hat der Walpurgisnacht in einer entsprechenden Szene seines „Faust“ ein bleibendes Denkmal gesetzt: Mephisto verleitet ihn dazu, am 30. April auf den Brocken zu steigen und mit den Hexen zu tanzen. „Dann sah ich...“ , bricht Faust später den Bericht seiner Vision gegenüber Mephisto ab. Er muss Unglaubliches beobachtet haben...
Im Zuge der Christianisierung versuchte die sich entwickelnde Kirche einige dieser Bräuche zu adaptieren. Das ging weitgehend schief mit den Bräuchen zur Walpurgisnacht. Man fahre einmal nach Thale und schaue zu. Mit Christentum und christlichem Glauben hat selbst das heutige Unterhaltungsspektakel nur wenig zu tun. Anders allerdings geriet die Übernahme der Fruchtbarkeitsriten: Feldsegnungen finden zum 1. Mai immer noch statt in mehrheitlich römisch-katholischen Gegenden.
Natürlich kam auch zu christianisierten Zeiten Fröhlichkeit und Geselligkeit nicht zu kurz: Es wurde im Schein des Feuers in den Mai getanzt in der Nacht zum 1. Mai, und es wurde am nächsten Tag, wenn der diabolische Spuk der Hexen beendet war, unter dem Maibaum getanzt. Auch das geriet zum allgemeinen Spektakel, unter den Dörfern brach ein Wettstreit darüber auf, welches den höchsten Maibaum aufstellte. Zunächst verwendete man grün-belaubte Bäume, eine schöne Plackerei für das aufstellende Team. Die stattlichen Exemplare, Birken, Fichten, Kiefern waren im Wuchs und deswegen schwer. Weil man sie mit Krone nicht durchs Dorf schleppen konnte, wurden sie im unteren Bereich entastet, nur die Wipfel blieben grün. Später verwendete man nur lange trockene Stämme ohne Grün. Sie wurden mit einer grünen Girlandenkrone versehen, an der bunte Bändchen flatterten. Das Aufstellen war ein Kraftakt und den starken Männern des Ortes vorbehalten. Unter großem Gejohle der Zuschauer läuft es heute noch genauso ab, gewissermaßen eine Balz auf dem Dorfplatz. Dann wurde das Maibier angestochen, die Musik spielte und der Tanz in den Mai begann.
„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“..., wohl jedes Kind hat die Verse von Emmanuel Geibel aus dem Jahr 1841 schon einmal gesungen. Die Musik dazu stammt von Justus Wilhelm Lyra aus dem Jahr 1843. Geibel hat unzweifelhaft den Ruhm unter den deutschen Lyrikern, dass weitaus mehr seiner Gedichte vertont wurden und in den Volksliedschatz eingingen als von irgendeinem seiner Berufskollegen. „Der Mai ist gekommen, Die Bäume schlagen aus, Da bleibe, wer Lust hat, Mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken wandern Am himmlischen Zelt, So steht auch mir der Sinn In die weite, weite Welt“, so der Text der 1. Strophe. Aufbruchstimmung pur vermittelt der Dichter, und er hat damit ganze Generationen von Burschenschaftlern in Gang gesetzt. Geibel macht Lust auf die Reise in die Fremde, beschreibt das Naturerleben auf einzigartige Weise, die Sehnsucht auf den Frühling, Wärme, Grün und Licht, es ist ein Schwelgen in Erwartungen. Nicht nur Burschenschaftler, Kindergärten und Männergesangvereine haben sich dieses Liedes angenommen, auch namhafte Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts haben es interpretiert, darunter Mireille Matthieu, Nana Mouskuri, Peggy March, Peter Alexander und schließlich auch Nena.
Das Lied traf voll den Geist der Zeit, wurde der Wander- und Frühlingsgassenhauer schlechthin. Geibel war davon offenbar überrascht, denn er hatte den Text in einer für ihn selbst ganz schwierigen Zeit geschrieben. Ende Februar 1841 war seine Mutter gestorben, er selbst hatte keine Anstellung und auch keine Aussicht auf Veränderung seiner Lebensumstände zum Besseren. Um der Frage aus dem Weg zu gehen, wie er unter diesen Rahmenbedingungen so ein Lied so voller Zuversicht habe schreiben können, griff der Schlingel zu einem Kunstgriff und datierte dessen Entstehung vor in seine Studentenzeit. Ein paar Jahre später aber kam es raus: Geibel hatte im April 1841 eine Anstellung erhalten bei Kassel, und in seinem Text hat er offensichtlich nur seine Erwartungen an diese Reise ausgedrückt.
Einen ähnlich großen Erfolg kann nur ein weiteres Frühlingslied vorweisen, „Veronika, der Lenz ist da“, der Welterfolg der Comedian Harmonists in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufweisen.
Immerhin, die Wanderlust zum Maienbeginn vermittelt noch ganz besondere Freuden. In den Buchenwäldern stößt man auf eine ganz besondere Köstlichkeit, eigentlich ein Heilkraut, den Waldmeister. Das ist ein bis zu 30 Zentimeter hohes Kraut, das beim ersten Hinschauen Ähnlichkeit zum Klettenlabkraut hat, aber weitaus besser riecht. Man schneide es kurz über der Wurzel ab, entferne die weißen Blüten und trage es offen nach Hause in der Sonne. Wenn es etwas abgetrocknet ist, steigt das Aroma. Hinein mit dem Waldmeisterheu in den Bowlentopf, eine Flasche trockenen weißen, aber leichten Wein darüber, eine Stunde ziehen lassen und dann mit Sekt auffüllen. Wer es einmal probierte, hat nun einen weiteren Grund zu Maibeginn in den Wald zu gehen. Als Heilkraut hilft Waldmeister in dieser Form am Besten gegen Schwermut.