Der Friedhof als Spiegelbild der Gesellschaft

Das Thema des St. Petri-Forums „Auslaufmodell Friedhof?" stieß auf großes Interesse und sorgte für einen übervollen Gemeindesaal. (Foto: Renate Tiffe)

St. Petri-Forum befasste sich mit der Vielfalt in der Bestattungskultur

GROSSBURGWEDEL (ti). Immer mehr freie Flächen - auf den Friedhöfen findet eine Art stille Revolution statt. Die Vielfalt der Bestattungsformen nimmt zu. „Auslaufmodell Friedhof?", fragte das St. Petri-Forum vor Kurzem in seiner Veranstaltungsreihe.
Dass diese Frage viele Menschen bewegt, zeigte sich im übervollen Gemeindesaal und in der Fülle der Diskussionsbeiträge. Der Friedhof sei ein Spiegelbild der Gesellschaft befand eine der Teilnehmerinnen und traf damit den Kern der Fragestellung.
Es sei ein brisantes Thema: „Wie trauern wir, wo trauern wir“ führte Dr. Regine Arndt, die Mitinitiatorin des Forums, in den Abend ein. Eine Reihe von Referenten berichteten dazu aus ihrem Tätigkeitsbereich. Harald Riessler, verantwortlich für die fünf kommunalen Friedhöfe in Burgwedel, stellte fest, dass von den durchschnittlich 110 Bestattungen im Jahr etwa ein Viertel Urnenbestattungen sind, mit zunehmender Tendenz.
Große Grabstätten, die zurückgegeben werden, können nicht mehr belegt werden. Die Stadt versuche dem mit neuen Angeboten entgegenzukommen wie in Engensen, wo an einer Stele auf einer Rasenfläche die Namen der Verstorbenen aufgetragen werden. In Thönse werde zurzeit nach einer Lösung gesucht. Es gebe immer weniger Angehörige vor Ort, die sich um die Grabpflege kümmern können.
Die gleichen Erfahrungen macht Pascal Bade, der im Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen für die 21 kirchlichen Friedhöfe zuständig ist, in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kirchenvorständen. Das Problem seien die jeweils eigenen Friedhofsordnungen. Anonyme Grabstätten gebe es nicht. Das widerspreche dem christlichen Glauben. Wohl aber werden seit 2010 sogenannte Rasengemeinschaftsgrabanlagen immer mehr in Anspruch genommen, in denen Urnen ebenso wie Särge bestattet werden. Große Flächen befinden sich heute meist im Besitz von alteingesessenen Familien. All dies wurde von den Ausschussmitgliedern des St.Petri-Kirchenvorstandes bestätigt. Mindestens einmal im Jahr finden Begehungen statt.
Zur immer stärkeren Konkurrenz für die heimischen Friedhöfe werden die sog. Friedwälder, auch Ruhepark oder Ruheforst genannt, wie im Fall der 43-Hektar-großen Waldfläche im Deister. Ralf Schickhaus, Forstmann mit langer Familientradition erläuterte das Konzept, das 2009 begonnen und noch nicht am Ende der Entwicklung stehe. Knapp 10.000 Grabstellen solle es dort geben, „für jede Religion und auch andere Nationalitäten. Viele Leute lieben die Natur, den Wald“. Ihre Beisetzung dort sei ein passender Abschied und zugleich ein Ort für die Trauer und des Erinnerns.
Der „Vollständigkeit“ halber - die damit aber letzten Endes doch nicht ausgeschöpft war - befasste sich Dr. Detlef Marquard mit den „virtuellen Ruhestätten“, die unabhängig von Ort und Zeit seien und eine vielfältige Ausgestaltung erlauben. Ob so etwas auf Dauer trage oder nur gerade schick sei, müsse jeder für sich selbst entscheiden.
„Wir müssen dies zur Kenntnis und auch ernst nehmen“, resümierte Regine Arndt. Und wandte sich realeren Einrichtungen zu, wie dem Ambulanten Hospizdienst in Burgwedel mit dem Trauercafé. „eine wunderbare Bereicherung für den Kirchenkreis“. „Wir wollen je nach Fähigkeit Impulse und Anregungen geben, die Trauer zu verarbeiten und zu akzeptieren“, meinte der Vorsitzende Robert Schovaart. Jeder müsse seinen eigenen Weg gehen.
Von der Evangelischen Kirche Deutschlands liegt seit 2004 eine Schrift vor: „Herausforderung der evangelischen Bestattung“. Gedanken daraus, wie die Gedächtniskultur zu verstärken sei und auch Bewertungen der einzelnen Bestattungsformen, gaben rundeten den Abend ab.