„Das sind mehr Tote als Aidserkrankte, Verkehrs- und Drogenopfer zusammen!“

Sie setzen sich für die Jugendlichen ein: (von links) Katharina Fischer, Karin Philipp und Hannelore Habicht. (Foto: Svenja Steinseifer)
 
Eindrucksvoll mit Bildern und Fallberichten zeigt die Wanderausstellung wie suizidgefährdete Jugendliche sich fühlen. (Foto: Svenja Steinseifer)

Wanderausstellung „Zuhören ist cool, wegsehen ist tödlich“ in der Realschule

GROSSBURGWEDEL (svs). Katja ist 13. Bei einem Ladendiebstahl wird sie erwischt. Von der Geschäftsführerin droht eine Anzeige. Von den Eltern Stress. Sozialer Druck, der wächst und wächst. Katja sucht nach einem Ausweg. Und entscheidet sich für den Tod.
Nichts - steht auf dem Bild, geschrieben in bunten Buchstaben. Drum herum ein Wirrwarr, ein knalliges Chaos aus Farben. Gemalt von einer Sechstklässlerin. „Unbewohnt ist mein Kopf, leer“, schildert der 17-jährige Max. Keines der Beispiele ist fiktiv. Leere. Chaos. Gefühle von Schülern, die am Ende vor den Zug springen. Oder von einer Brücke. Sich töten so wie Katja.
„Das Bild zeigt so ein bisschen das Chaos in mir drin“, erklärt Referentin Karin Philipp vom Verein für Suizidprävention e.V aus Hildesheim. Heute eröffnet sie mit einem Vortrag „Mein Kind in der Krise, was kann ich tun?“ die Wanderausstellung „Zuhören ist cool, wegsehen ist tödlich“ in der Realschule Großburgwedel. 9500 Fälle von Suizid im Jahr belegt eine aktuelle DAK-Studie. 23 Prozent sind im Alter von 11 Jahren von einer Krise betroffen, bei den 18-jährigen sind es 33 Prozent. „Das sind mehr Tote als Unfallopfer, Aidskranke und Drogenopfer zusammen“, betont Philipp. Zahlen, die sie immer wieder erschrecken.
„Hilflosigkeit“, daran erinnert sich die Gymnasiallehrerin Hannelore Habicht. Vor drei Jahren hat es am Gymnasium Großburgwedel den letzten Selbstmord gegeben. „Auch ich selbst war hilflos. Was mache ich denn jetzt?“ Werte und Normen mussten warten. Die Pädagogin hörte auf ihr Gefühl, etwas tun zu müssen und brachte mit der Recherche ihrer Schüler den Stein für das mit der Wanderausstellung verbundene Schulprojekt ins Rollen. Zunächst stieß sie auf Telefonnummern des Vereins für Suizidprävention Hildesheim e.V. Und vor allen Dingen auf Widerstand. Die bange Frage, ob das Projekt Nachahmer findet, sei die größte emotionale Barriere für Eltern und Lehrer gewesen.
„Jemanden darauf anzusprechen ist nie falsch“, erklärt Referentin des Vortrags Karin Philipp, „wenn sich jemand dann trotzdem umbringt, war der Zug vorher schon abgefahren.“ Genau hinhören, denn depressive Stimmung äußere sich bei Jugendlichen anders als bei Erwachsenen. Mit Aggression, Isolation und Konfrontation. Das sei die sichtbare Spitze des Eisbergs. Unsichtbar unter der Wasseroberfläche verborgen liegen jedoch oft die langfristigen Gründe wie traumatische Ereignisse, Lernerfahrungen, Perspektivlosigkeit oder Ängste. „Es muss aber nicht immer sonst was sein – auch Alltagsprobleme können zum Suizid führen“, sagt Philipp. Eine Banalität, die auch die Psychologin noch überrascht. Ein Suizid passiere nie einfach so. „Es ist immer eine Verkettung von mehreren Faktoren!“ Bergauf schien es auch im Fall einer Realschülerin aus Großburgwedel zu gehen. „Mit 14 wurde sie zum ersten Mal schwanger“, erinnert sich ihr Sportlehrer, „wir halfen ihr.“ Die Schülerin heiratete mit 16, schaffte den Hauptschulabschluss und ging in die Lehre.
„Gerade als wir dachten es geht aufwärts, sprang sie von der Hochbrücke“, erzählt der Pädagoge, „Sie war 18 und zum zweiten Mal schwanger.“ Ein Jahr brauchte er, um sich davon zu erholen. Heute geht es ihm vor allem darum, den Jugendlichen „auch mal Mut zuzusprechen.“ Hannelore Habicht tut das, indem sie die Telefonnummern des Vereins in den Toilettentüren der Schule aufhängt. „Ich bin froh, dass dieses Tabuthema endlich einmal ent-tabuisiert wird“, sagt sie. „Es ist ein schönes Gefühl, dass Schüler mit großer Dankbarkeit auf meine Workshops reagieren“, bestätigt auch Karin Philipp. Echte Anteilnahme, ein Kinobesuch oder Spaziergang – mit konkreten Tipps möchte sie mit den projektgebundenen Workshops Lehrern, Schülern und Eltern Unsicherheit nehmen, Sensibilisieren und Mut machen.
Katharina Fischer, Sozialarbeiterin der Realschule möchte mit der Auftaktveranstaltung und der vier Wochen andauernden Wanderausstellung möglichst Viele erreichen. „Es ist wichtig zu wissen dass jemand da ist an den man sich wenden kann“, sagt sie. Und das es ok sei, wenn es einem schlecht geht. Denn allein ist damit niemand – das belegen die nackten Zahlen. Eine Wanderausstellung, die noch möglichst lange wandern soll und auf keinen Fall aussterben darf, das ist Karin Philipps, Hannelore Habichts und Katharina Fischers inniger Wunsch.
„Im chinesischen gibt es für „Krise“ zwei Schriftzeichen. Gefahr und Gelegenheit“, betont Philipp, „jede schwere Krise ist auch eine gute Gelegenheit.“ Um Vorurteile, Ängste aus dem Weg zu räumen und ihn frei zu machen für jede Menge Mut. Zum Reden.
Bis zu den Sommerferien bleibt die Wanderausstellung „Zuhören ist cool. Wegsehen ist tödlich.“ noch in der Realschule Burgwedel. Kontakt über Katharina Fischer, Schulsozialarbeit Gymnasium Großburgwedel und Realschule Burgwedel, Telefon Mo., Mi. und Fr. 05139/ 806 721 21 Di. und Do.05139/ 999 488.