Aus der Vergangenheit lernen

Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller (links) und Bürgermeister Axel Düker legen zum Abschluss Rosen an die Stolpersteine.
 
Ein russisches und ein polnisches Wiegenlied sang der Kinderchor MiMaMu unter der Leitung von Kristina Rokahr.

Stolpersteine erinnern an 28 Säuglinge, die Opfer des NS-Regimes wurden

GROSSBURGWEDEL (bs). Am Samstag hat der Künstler Gunter Demnig 28 Stolpersteine auf dem Fußweg in Höhe des Bereiches „Im Mitteldorf“ 7 bis 9 in Großburgwedel verlegt. Sie erinnern an die toten Säuglinge osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen aus dem Altkreis Burgdorf.
„Stolpersteine sind eine besondere Erinnerungskultur. Anders, als bei Denkmälern begegnet man ihnen im täglichen Leben oft unverhofft. Sie sind dort verlegt, wo die Opfer, denen gedacht wird, gelebt haben. Man stolpert sinnbildlich über sie, senkt den Kopf und verneigt sich vor ihnen. Jeder dieser Steine gibt einem Menschen einen Namen zurück, ruft ihn wieder in Erinnerung“, so Bürgermeister Axel Düker.
Hinter der St. Petri-Kirche befand während Zeit des Nationalsozialismus ein leer stehendes Bauernhaus, das 1944 als sogenannte „Ausländerkinder-Pflegestätte“ in Betrieb genommen wurde. Hier mussten die Zwangsarbeiterinnen ihre Babys abgeben, die laufenden Kosten wurde den Müttern vom Lohn abgezogen. Gestillt werden durften die Säuglinge nicht, ihnen stand lediglich ein halber Liter Kuhmilch zu. Die Säuglinge starben aufgrund von Vernachlässigung, schwerer Unterernährung und Krankheit.
„Hier an diesem Ort ist Unrecht geschehen, haben 28 unschuldige Kinder, manche nur wenige Wochen alt, den Tod gefunden. Durch die Stolpersteine bekommen sie ihre Namen und ihre Identität zurück“, führte Axel Düker weiter aus.
„Diese 28 Kinder hatten nie die Möglichkeit, ihren Wohnort frei zu wählen. Sie wurden den Zwangsarbeiterinnen nach der Geburt weggenommen, in eine beschönigend als „Ausländerkinder-Pflegestätte“ bezeichnete Unterkunft gebracht, wo sie durch Vernachlässigung den Tod fanden. Schrecklich und unvorstellbar, dass so etwas geschehen konnte“, erklärte Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller unter Tränen. Als Leiter des 2014 gegründeten Arbeitskreises „Stolpersteine“ mahnte er, nicht nur um der einstigen Opfer willen, sondern auch um der kommenden Generationen willen, Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen.
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger nahmen an der bewegenden Gedenkstunde teil. Der Kinderchor MiMaMu sang ein russisches und ein polnisches Wiegenlied. Tränen flossen, als nach den Gebeten von Pater Andrej Deutz (ukrainisch-orthodoxen Kirche) und Pastor Ivan Mykhailiuk (ukrainisch-katholischen Kirche St. Paulus Großburgwedel) die Namen der Säuglinge verlesen wurden und zwei Schülerinnen auf jeden der entsprechenden Stolpersteine eine Blüte und einen Engel legten.
Intensive Recherchearbeiten zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels Burgwedels haben Irmtraud Heike und Jürgen Zimmer geleistet. „Geraubte Leben. Spurensuche: Burgwedel während der NS-Zeit“ ist das Ergebnis von über vier Jahren unermüdlicher Forschung und Recherche. Im Anschluss an die Gedenkfeier wurde das Buch gemeinsam mit einer Ausstellung zu diesem Thema erstmals im Rathaus der Stadt Burgwedel der Öffentlichkeit präsentiert.
Zur Eröffnung las Andrea Heußinger vom NDR drei Passagen aus dem Buch vor. Erschütternde Berichte aus dem Leben Dr. Albert Davids, dem Schicksal der 28 toten Säuglinge und ihren Müttern sowie den verfolgten Sinti-Familien.