Achtung Wildwechsel: Jetzt immer mit flüchtigem Wild rechnen

Ergebnis eines Wildunfalls auf der L 383 vor einigen Jahren: Sieben getötete Frischlinge, ein Golf mit Totalschaden. Der Fahrer blieb damals unverletzt, weil er keine schnelle Lenkbewegung machte. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Polizei stellt deutlichen Anstieg der Unfallzahlen fest

ALTKREIS BURGDORF (hhs). Die Polizeidirektion Hannover hat für den gesamten Bereich mit Ausnahme der Landeshauptstadt einen deutlichen Anstieg der Unfälle mit wild lebenden Tieren festgestellt: Im vergangenen Jahr registrierte die Polizeidirektion Hannover in ihrem Bereich insgesamt 1.805 Wildunfälle.
In diesem Jahr waren es Ende des Monats September schon 1.252. Bisher 16 Personen wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Davon wurden auch die Beamten der Polizei während ihrer Dienstfahrten nicht verschont: Erst Anfang dieser Woche kollidierte ein Wagen auf der L 381 bei Kleinburgwedel mit einem Rehbock, „der unvermittelt auf die Straße gelaufen war“, wie es in einer Mitteilung der Polizei formuliert war. Das Tier wurde dabei getötet, die beiden Beamten wurden dabei glücklicherweise nicht verletzt, das Einsatzfahrzeug allerdings stark beschädigt.
„Die Polizei rät: Unterschätzen Sie nicht die Gefährdung durch Tiere, die plötzlich die Straße überqueren. Gerade bei Fahrten durch ländliche Bereiche, Wald-und Wiesengebiete sollte Vorsicht gelten - rechnen Sie insbesondere in den Morgenstunden, bei Dämmerung und nachts mit Wildwechsel. Passen Sie Ihre Fahrweise an, beachten Sie die entsprechenden Warnschilder und seien Sie bremsbereit. Wenn Sie Wild am Fahrbahnrand sehen, sollten Sie abblenden, abbremsen, hupen und anhalten. Aktivieren Sie die Warnblinkanlage und fahren Sie, wenn die Tiere sich entfernen, zunächst mit Schrittgeschwindigkeit weiter. Beobachten Sie dabei den Fahrbahnrand - einem Wildtier folgen oftmals noch weitere. Weichen Sie bei plötzlichem Wildwechsel oder einer unvermeidbaren Kollision nicht in den Gegenverkehr aus - bremsen Sie stark ab und halten Sie Ihre Fahrspur. Sollte es zu einem Zusammenstoß gekommen sein, versuchen Sie nicht, einem verletzten Tier zu helfen, es zu berühren oder gar mitzunehmen. Informieren Sie umgehend die Polizei“.
Wer sich so verhält, macht alles richtig, um das Risiko für die Gesundheit aller Fahrzeuginsassen möglichst gering zu halten. Schäden am Fahrzeug lassen sich bezahlen, gesundheitliche Einbußen bleiben manchmal ein Leben lang. Das Risiko, mit einem Stück Wild zu kollidieren, ist in der dunklen Zeit „zwischen den Dämmerungen“ immer am größten. Jetzt werden die Tage kürzer, das Wild steht vor leeren Ackerflächen, von denen es sich in der Warmen Jahreszeit ernährt hat. Nun muss es weit umherziehen, um Äsung zu finden. Dazu bleibt ihm nur die Nacht, denn draußen in der freien Natur herrscht nun erst spät Ruhe: Mitbürgerinnen und Mitbürger, die gegen 18.00 Uhr von der Arbeit nach Hause kommen, gehen nun in der Dämmerung mit ihren Vierbeinern spazieren, Landwirte können Kartoffeln und Rüben heute im Scheinwerferlicht ihrer Erntemaschinen roden, das und vieles mehr stört das Wild und zwingt es, hin und her zu ziehen.
Manchmal führt auch die Brunft der Tiere zu mehr Bewegung. Beim Rehwild fällt diese Zeit in den Juli/August, beim Rotwild in den September und beim Schwarzwild von Ende November bis spät in den Dezember hinein. Beim Schwarzwild ist auch noch daran zu denken, dass alle anderen Wildarten zum Teil panikartig ihre Einstände verlassen, wenn die Sauen umherziehen. Jedes Wildtier draußen weiß: Vor Sauen ist niemand von ihnen sicher, die fressen alles und jeden, den sie erwischen.
Ein weiterer Grund für den Anstieg der Wildunfälle in der kalten Jahreszeit sind die besten Rahmenbedingungen, die ihnen die moderne Landwirtschaft bietet: Maisanbau liegt wegen der Energiegewinnung aus Biogasanlagen voll im Trend. Und Maisfelder sind aus Sicht der Wildschweine gewissermaßen ein „Tischleindeckdich“. Sie finden ihre Leibspeise, Maiskolben, in Hülle und Fülle und sie haben reichlich Deckung. In großen Maisfeldern haben die Jäger kaum eine Chance, die Sauen zu bejagen, in der Nähe viel befahrener Straßen gar keine. Hier sind die Wildunfälle gewissermaßen vorprogrammiert, wenn der Mais bis dicht an die Straße heran reicht: Bewegen sich die Sauen im Mais, flüchtet das Rehwild hinaus, wird der Mais geerntet, flüchten auch die Wildschweine. Dabei ist ihnen die Richtung gleichgültig, mit einer Gefährdung durch den Straßenverkehr rechnen sie nicht. Sie laufen ganz einfach dorthin, wo sie wieder Ruhe haben. Dieses Horrorszenario für die Kraftfahrer wird sich mit weiteren Biogasanlagen noch verstärken. Dem Kraftfahrer bleibt nur die Chance, die guten Ratschläge der Polizei zu beherzigen.