Ab Windstärke sieben braucht es Getreide zum Bremsen

„Absegeln“: Jutta Rockahr-Brakhage rollt die Segel nach dem laufenden Betrieb wieder ein. (Foto: Svenja Steinseifer)
 
Freude bei den Windmüllern: Volker Margenfeld hat bestanden! (Foto: Svenja Steinseifer)

Zehn Prüflinge absolvieren ihre freiwillige Müllerprüfung

WETTMAR (svs). Albert Hanstein sitzt gerne hier – zwischen zwei Mühlen. Seine freiwillige Müllerprüfung an der „Mitmachmühle“ hat er noch vor sich. Korn mahlen muss er dabei nicht. Hauptaugenmerk der Prüfung liege auf der Sicherung und den laufenden Betrieb der Bockwindmühle. Auch eine Mühle stehe sich kaputt, wenn sie nicht läuft. „Und dazu braucht es einen zertifizierten Müller“, findet Hanstein, „ohne den geht es nicht.“
„Die einzige Berechtigung die sie mit der Prüfung nicht erhalten, ist die, Lebensmittel herzustellen und zu verkaufen“, erklärt Rüdiger Hagen. Jutta Rockahr-Brakhage spannt derweil unter seiner Beobachtung das Segeltuch über die Flügel der Mühle. „Aufsegeln“ – ein wichtiger Bestandteil der Prüfung. „Sinn und Zweck des Ganzen ist, dass die Mühle allein bedient werden kann“, sagt Hagen. Schließlich sei früher auch nur ein Müller auf der Mühle gewesen.
Jeder Prüfling muss die Mühle in den Wind drehen können, sie in Betrieb nehmen und gegen Sturm und Gewitter absichern können. Aufgeregt sei Jutta Rockahr-Brakhage. Aber der Wind ist gut – ab zwei Windstärken drehen sich die Flügel. „Bis Windstärke sechs können wir sie laufen lassen“, erklärt Hagen, „ab sieben braucht man Getreide zum Bremsen.“ Er selbst habe seine Ausbildung zum Müllerei- und Mühlenbautechniker an der Hänigser Mühle absolviert. Jetzt bildet er im Heimatverein „Windmüller“ aus. „Das geht nur noch auf ehrenamtlicher Basis – Windmüller gibt es im Gegensatz zu Mühlenbautechnikern heute nicht mehr“, weiß Hagen.
Mittlerweile ist Jutta Rockahr-Brakhage in den „Eingeweiden“ der Mühle angelangt. „Bloß nicht fummeln, wenn wat löppt“ – die in Holz gravierte Warnung hängt gut sichtbar inmitten der hölzernen technischen Einrichtung. „Das Mühlrad hat einen Durchmesser von etwa sieben Metern“, erklärt Jonas Kurtze, der ebenfalls zur freiwilligen Prüfung angetreten ist. Zwei Mühlsteine zermalmen das Korn – der sich drehende „Läuferstein“ wiege 1,4 Tonnen und der liegende etwa eine Tonne. Drehen kann sich die Mühle um ihr Herzstück, den „Hausbaum“ anno 1584. „Deswegen schwankt es dort oben wie auf einem Schiff!“
„Ihre theoretische Prüfung legen alle ab, indem sie Führungen durch die Bockwindmühle machen“, erklärt Rüdiger Hagen. Ergänzt werde der „Müller-Kurs“ durch theoretischen Unterricht. „Wir haben schon etwas über Weizenstände und mittelalterliche Mühlentechnik und das Mahlwerk gelernt“, sagt Albert Hanstein. Zwei Flügel tragen statt Segeltuch Klappen, diese „Jalousien fungieren wie eine Gangschaltung“. „Technisch“ sei so ein „Müller-Kurs“.
Für Prüfling Volker Margenfeld sei er eine gute Gelegenheit, „etwas Praktisches zu machen“. „Im Berufsleben plane ich eher“, sagt der angehende Windmüller und schultert ein hölzernes Gestell. „Wir haben genug Gewerke da, die in der Lage sind, Wartungsarbeiten an der Mühle durchzuführen“, weiß Albert Hanstein, „sonst wäre das alles nicht bezahlbar“. „Wie ein Riesen-Uhrwerk“ laufe das Mahlwerk der Mühle – nur eins könne es nicht: Korn mahlen. Die Mahlsteine parallel aufeinander zu bekommen, sei „Gefühlssache“.
Stolz auf alles was realisiert werden konnte, sind alle frisch gebackenen „Windmüller“. „Auch ich habe anfangs zu den Skeptikern gehört“, erinnert sich Jonas Kurtze „überhaupt an den Anfang“. Eine „Eierei“ sei allein die Standortsuche gewesen. Hier, am Fuße der „Mitmach-Mühle“, zwischen zwei Mühlen, fühlt sich Albert Hanstein mit den anderen wohl. „Ich sehe sofort, wenn mit den Flügeln was nicht stimmt“, sagt er. Aber es stimmt alles. „Die Prüfung ist langweilig“, scherzt Rüdiger Hagen, „die können ja alles!“
Erfolgreich die freiwillige Müller-Prüfung haben abgelegt: Axel Heckler, Dieter Rosin, Felix Bartels, Jürgen Gnörich, Lothar Blume, Jonas Kurtze, Johann-Christian Zoch, Albert Hanstein, Volker Margenfeld und Jutta Rockahr-Brakhage.