5 Jahre in morschem Holz für 5 Wochen Leben als Hirschkäfer

Prächtiger Hirschkäfer: Die Tiere gelten als bedrohte Art, weil sie zum Überleben viel vermoderndes Laubholz brauchen. (Foto: Hans Hermann Schröder)

Die Flugzeit für die seltenen und größten Käfer hat begonnen

BURGWEDEL (hhs). Hirschkäfer sind ausgesprochen selten geworden im deutschen Wald, sie stehen auf der Roten Liste der stark gefährdeten Tiere. Das hat seinen Grund im Fehlen alter Eichenwälder, in denen das Totholz noch über die Jahre vermodern kann. Die Tiere sind in ihrer Entwicklung darauf angewiesen. Dort hinein legen die Weibchen, die kein Geweih tragen ihre Eier. Drei bis fünf Jahre, je nach Temperatur, dauert die Entwicklung der Larve in einem moderigem Baumstumpf, dann schlüpft der prächtige Hirschkäfer, immer um die Monatswende Mai zu Juni. Etwa fünf Wochen dauert sein Käferleben nun, in dieser Zeit muss er ein Weibchen finden, sich vieler Nebenbuhler erwehren und sich schließlich erfolgreich paaren. Dann beginnt der Entwicklungszyklus von Neuem.

Nur die Männchen der Hirschkäfer tragen Geweihe als Waffe in der Auseinandersetzung mit den Nebenbuhlern. Diese Geweihe sind rechts und links Verlängerungen des Oberkiefers dieser Tiere. Deswegen können die Männchen trotz aller Geweihpracht nicht beißen. Die geweihlosen Weibchen können das sehr wohl, und das setzt sie im Gegensatz zu ihren Männlichen Artgenossen durchaus in die Lage, Äste und Zweige von Laubbäumen, insbesondere von Eichen, anzubeißen und sich von deren Saft zu ernähren. Die Männchen können das nicht, sie finden auf weite Entfernungen verletzte Eichen, und natürlich die von den Hirschkäferweibchen angebissenen Bäume. Mit ihrer dafür speziell ausgebildeten Unterlippe können die Männchen dann den Eichensaft einsaugen.
Damit die Männchen überhaupt eine reale Chance haben, die wenigen Weibchen zu finden, verspritzen die Weibchen ihren Kot mit einem Duftstoff, der ihr männlichen Artgenossen auf weite Entfernung anlockt.
Natürlich findet sich an diesem Ort nicht nur ein Hirschkäfermännchen ein, es sind immer mehrere dort zu finden. Und dann entwickeln sich die starken Äste der Eiche zu regelrechten Brunftplätzen in luftiger Höhe. Die Käfermännchen beginnen miteinander zu Kämpfen, wie die Rothirsche zur Brunftzeit. Sie versuchen, sich mit ihren Geweihen vom Ast zu werfen. Es ist schwierig, dies zu beobachten, denn das Spektakel findet meistens nur in der späten Dämmerung statt. Die Tiere bemühen sich darum, ihren Gegner frontal mit dem Geweih anzunehmen. Die Verlängerungen des Oberkiefers verhaken sich dabei und, solange beide Streithähne noch bei Kräften sind, ist es ein Hin- und Hergeschiebe. Sieger ist schließlich dasjenige Männchen, das seinen Gegner aushebelt und über seinen Rücken nach hinten wirft. Der erschöpfte Unterlegene fällt dann meistens vom Baum in die Tiefe und landet dort auf dem Rücken. Häufig wird es dann leichte Beute eines Bodenjägers, nur selten kann sich das Männchen erholen und davonfliegen. Den meisten fällt es schon schwer, wieder auf die Füße zu kommen, Viele werden bei der Paarungsauseinandersetzung auch verletzt, ihnen bricht eine Geweihstange ab oder es fehlt ein Käferbein. So ein Kampf kann manchmal Stunden dauern.
Hat ein Männchen alle anderen Männchen auf diese Weise ausgeschaltet, geht es an die Paarung. Nun stellt sich das Männchen über das Weibchen, beide richten ihre Köpfe gleich aus. In dieser Stellung verharren sie einige Tage lang. Da sie immer über eine Saftstelle stehen, ist an Nahrung kein Mangel. Anschließend legt das Weibchen die Eier in morsches Holz oder einen Wurzelstock. Die Entwicklung der Larven erfordert temperaturabhängig drei bis fünf Jahre. Ist ausreichend Nahrung vorhanden, dann können die Larven gut zehn Zentimeter lang werden und fingerdick. Kurz vor der Verpuppung bauen sich die Larven eine sogenannte „Puppenwiege“, in der sie sich verpuppen. Bei männlichen Hirschkäfern kann die faustgroß werden, immerhin muss sich darin auch ihr Geweih entwickeln können. Noch im Herbst schlüpfen die fertig ausgebildeten Käfer, aber sie bleiben ungesehen in einem Versteck und sie zeigen sich wieder im kommenden Jahr ab Ende Mai.