28 Stolpersteine für Burgwedel

Engagieren sich im Projekt Stolpersteine, v.l. Axel Düker, Bürgermeister der Stadt Burgwedel, Elke Schmitzdorff-Listing, Kulturbeauftragte, Rolf Fortmüller, Ortsbügermeister, Andrea Stroker, Leiterin des Ordnungsamtes und Michaela Seidel, Öffentlichkeitsarbeit.

Spurensuche während der NS-Zeit – Buch „Geraubte Leben“ erzählt die Geschichte

VON DANA NOLL

BURGWEDEL. „Ehemalige Hofstelle, hier lebten und starben 28 Kinder, in Gefangenschaft geboren und von ihren Müttern isoliert, mangelhaft oder nicht versorgt“ - So lautet die Inschrift des Kopfsteines, der mit 28 weiteren Stolpersteinen in Burgwedel verlegt wird. Ein Stolperstein für jeden Säugling, der dort in den Jahren 1943 bis 1945 ums Leben kam. Um das Andenken an die Kinder zu wahren, wurden nicht nur die Namen in korrekter Schreibweise sondern auch das genaue Geburts- und Todesdatum recherchiert. „Auch die Kinder, bei denen uns das nicht gelungen ist, bekommen einen eigenen Stein, das war uns wichtig“, erklärt Andrea Stroker, „Auf diesen Stolpersteinen wird dann das Todesdatum mit dem Zusatz „Unbekannt“ angegeben.“ Im Zuge dessen werden auch Korrekturen am Mahnmal in Burgwedel vorgenommen. „Es handelt sich überwiegend um Fehler in den Schreibweisen der Namen, der nun korrigiert wird“, so die Leiterin des Ordnungsamtes weiter.
Eine intensive Recherchezeit liegt hinter dem Arbeitskreis Stolpersteine, der von Rolf Fortmüller geleitet wurde und zu denen Mitglieder aus dem Ortsrat, der Stadtverwaltung, des Gymnasiums und der Pestalozzistiftung zählen. Unterstützt wurden sie dabei von der Historikerin Irmtraud Heike und dem freien Journalisten Jürgen Zimmer. Seit 2015 wird im Rahmen des Stolperstein-Projektes in der Geschichte Burgwedels während der NS-Zeit geforscht. Die Recherchen erforderten akribisches Suchen in Melderegistern, Datenbanken und Archiven - auch über die Landesgrenzen hinweg - und viel Fingerspitzengefühl beim Befragen von Zeitzeugen und Hinterbliebenden. Umso tiefer gegraben wurde, umso mehr kamen die dramatischen Ereignisse um das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und deren Babys ans Licht, die in der Hofstelle ums Leben kamen. Das jüngste Kind war gerade einmal 5 Wochen alt, das Älteste, acht Monate.
„Die Puzzlestücke haben sich immer mehr zusammengefügt. Es war eine sehr langwierige, aber auch sehr wichtige und wertvolle Arbeit“, resümiert Axel Düker, Bürgermeister der Stadt Burgwedel.
Die Spurensuche in Burgwedel hatte mit Dr. Albert David, einem jüdischen Arzt, der seit 1894 in Großburgwedel lebte, begonnen. Als die Nazis ein Berufsverbot gegen ihn verhängten, nahm er sich 1940, als die Gestapo sein Haus stürmten, das Leben. Ihm zum Gedenken wurde 2015 vor seinem Haus am Alten Postweg ein Stolperstein gesetzt. Im Zuge der neuen Recherchearbeiten wurden nun auch weitere Details zu seinem Leben und Wirken bekannt, auch einige Exponate wie beispielsweise eine Inhalier-Apparatur konnten noch sicher gestellt werden.
Mit dem Titel „Geraubte Leben“ erscheint nun ein 220-seitiges Buch, geschrieben von Irmtraud Heike und Jürgen Zimmer, erschienen im VSA Verlag, das ein Blick in die traurige Vergangenheit der Burgwedeler Stadtgeschichte wirft. Das Buch ist bereits im Handel gelistet und kann vorbestellt werden.
Auch in den Klassenstufen 8 bis 13 wird das Werk demnächst als Ergänzung zum Lehrstoff genutzt werden können. „Es ist ein Gesamtwerk entstanden, das breit einsetzbar ist und über das Geschichtsbuch hinausgeht“, so Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller.
Kurz nach dem Volkstrauertag, am 23. November 2019 um 9 Uhr, werden die Stolpersteine Im Mitteldorf, zwischen Hausnummer 7 und 9, verlegt werden. Schüler des Gymnasiums und der Oberschule werden die Namen der Kinder verlesen. Anschließend wird das Buch in Form einer Lesung präsentiert. Eine Ausstellung von Exponaten und Bildern wird die sicherlich sehr bewegende Veranstaltung ergänzen.
Die einzelnen Gedenksteine sollen über Patenschaften finanziert werden. Für 9 Stolpersteine werden noch Paten gesucht. Stolperstein-Pate kann jede Einzelperson werden, aber auch Schulklassen, Stiftungen, Firmen, Vereine und Verbände können gemeinsam Stolpersteine finanzieren. Der Preis für einen Stolperstein einschließlich Verlegung beträgt 120 Euro. Aber auch für weitere Kosten, die im Zusammenhang mit den Recherchearbeiten, Veranstaltungen zu den Verlegungen oder auch für Erstellung von Informationsmaterial entstehen, werden finanzielle Mittel benötigt. Weitere Informationen dazu unter www.burgwedel.de

Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln, die aus Beton gegossen und mit einer Messingtafel versehen sind. Sie werden in öffentliche Gehwege bündig eingelassen und wer sie im Vorübergehen sieht, soll im Geiste darüber stolpern, kurz innehalten und die Eingravierung lesen. Mit Namen, Geburtsdatum, Schicksal und dem Zusatz „Hier wohnte...“ holen die Steine direkt vor dem Wohn- oder Arbeitshaus des Opfers, ein Stück Geschichte in unser alltägliches Leben zurück. Stolpersteine sollen ein Zeichen der Erinnerung sein, sollen die Opfer aus der Anonymität herausholen, dort, wo sie gelebt haben. Der Gedanke zu solchen Stolpersteinen stammt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der das Projekt 1992 begann und seitdem weit über 70.000 Steine im In- und Ausland verlegt hat.