"Zweimal Sperrsitz bitte!"

Seit ihrer Gründung im Dezember 1931 lockte die Neue Schauburg viele Besucher an. Das Foto ist etwa ein halbes Jahr später, im Sommer 1932, entstanden. (Foto: Archiv/VVV)
 
Elisabeth und Wilhelm Hahne im Vorführraum des Kinos. (Foto: Archiv/VVV)
 
Lange Zeit war das Schauburg-Kino mit einfachen Klappsitzen bestuhlt. (Foto: Archiv/VVV)

KulturWerkStadt zeigt Ausstellung zum 90-jährigen Bestehen des Schauburg-Kinos

Burgdorf (r/fh). Unter dem Titel „Zweimal Sperrsitz bitte – 90 Jahre Schauburg-Kino“ zeigt die KulturWerkStadt, Poststraße 2, eine neue Ausstellung. Zur Eröffnung am Sonntag, 5. September, kann sie von 12 bis 18 Uhr besichtigt werden. Danach ist sie bis zum 24. Oktober jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Neben Schautafeln zur Burg­dorfer Kinogeschichte und der 90-jährigen Schauburg-Historie präsentiert die Ausstellung historische Kinotechnik und Kinostühle sowie alte Filmplakate. Viele Exponate hat der Inhaber Christian Lindemann zur Verfügung gestellt, der die Neue Schauburg jetzt in dritter Generation betreibt. Zeitzeugenberichte von Besuchern, die sich durch besondere Erfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Schauburg-Kino verbunden fühlen, runden die Ausstellung ab.
Das Schauburg-Kino wurde am 25. Dezember 1931, dem ersten Weihnachtsfeiertag, eröffnet und feiert dieses Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Der Kaufmann Georg Hahne hat es damals in einer Scheune an der Feldstraße 2a eingerichtet, die von der Burg­dorfer Konservenfabrik zuvor als Lager genutzt worden war. Vorher hatte er fünf Jahre lang ein Wanderkino betrieben. Das nötige Geld, um das Gebäude an der Feldstraße zunächst zu mieten und später zu kaufen, streckte sein Bruder Wilhelm Hahne vor, der in Lehrte als Schneidermeister tätig war.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Über die Entwicklung der Burg­dorfer Schauburg während der NS-Diktatur ist laut dem VVV-Ausstellungsteam wenig bekannt. Die Nationalsozialisten sahen in Film und Kino ein wichtiges Instrument, um die Meinung und die Stimmung in der Bevölkerung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die größte deutsche Filmgesellschaft Ufa brachten sie unter staatliche Kontrolle. Fortan kamen in Deutschland vor allem Propaganda- und leichte Unterhaltungsfilme auf die Leinwand. Berüchtigt sind unter anderem der antisemitische Spielfilm „Jud Süß“ von 1940 und der Historienfilm „Kolberg“, der kurz vor Kriegsende den Durchhaltewillen der Bevölkerung stärken sollte. Ab 1934 mussten Kinobetreiber im Vorprogramm außerdem die Wochenschau zeigen, die regimetreu über das aktuelle Geschehen berichtete.
Das Burgdorfer Schauburg-Kino setzte den Betrieb auch in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945 fort. Zusätzlich zum Eintrittsgeld musste damals jeder Zuschauer zwei Briketts mitbringen, um in den Wintermonaten den Kinosaal heizen zu können. Wegen der Gefahr nächtlicher Luftangriffe der Alliierten wurde der Vorstellungsbeginn im Frühjahr 1945 auf 18.30 Uhr vorverlegt.
Die letzten Vorstellungen vor Kriegsende liefen noch bis zum 9. April 1945. Zwei Tage später, am 11. April, zogen die Amerikaner in die Stadt ein. Während Wilhelm Hahne als Soldat eingezogen worden war, war sein Bruder Georg in Burgdorf geblieben und wurde erst für den sogenannten „Volkssturm“ einberufen. Er geriet in Gefangenschaft der Amerikaner, kehrte jedoch am 3. August 1945 wieder nach Burgdorf zurück. Bereits Ende desselben Monats durfte die „Schauburg“ mit Genehmigung der Militärregierung wieder öffnen.

Aufschwung in den fünfziger Jahren

In der Nachkriegszeit erlebten die Kinos einen Aufschwung. Bei beliebten Filmen richtete die Familie Hahne in den fünfziger Jahren deshalb einen Buspendelverkehr in die Dörfer der Umgebung ein. Die „Kasparbahn“ ließ sogar einen Kinozug nach Burgdorf fahren, um auch den Hänigser Einwohnern einen Kinobesuch zu ermöglichen.
Ende 1962 zog sich Georg Hahne aus dem Kinogeschäft zurück, lebte aber bis zu seinem Tod am 30. März 1972 weiter in der Wohnung über dem Eingangsbereich des Kinos. Sein Bruder Wilhelm und dessen Ehefrau Elisabeth übernahmen nun die alleinige Verantwortung für die Schauburg und gaben ihre Schneiderei in Lehrte auf. Zu dieser Zeit machte sich für die Kinobetreiber die aufkeimende Konkurrenz durch das Fernsehen immer stärker bemerkbar. Waren die 334 Plätze zuvor häufig ausverkauft gewesen, so gab es in den Zuschauerreihen nun meist große Lücken. Einen vollbesetzten Saal gab es nur noch in ausnahmefällen, beispielsweise bei legendären Filmen wie „Doktor Schiwago“, „Die Giganten“ mit James Dean oder „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Seit 1995 „Neue Schauburg“

Wilhelm Hahne verstarb am 4. September 1990. Elisabeth Hahne führte nun die Schauburg mit Unterstützung von ihrer Tochter Heidrun Lindemann und ihrem Enkel Christian weiter. In den 1990er Jahren folgten etliche deutsche Filmstars ihrer Einladung und kamen zur Burgdorfer Premiere ihrer Filme, darunter André Eisermann („Schlafes Bruder“, 1995), Kai Wiesinger („14 Tage lebenslänglich“, 1997) und Heike Makatsch („Obsession“, August 1997). Am 27. Dezember 1997 erlag Elisabeth Hahne nach jahrelangem Kampf einer schweren Krankheit.
Zwei Jahre zuvor leitete sie noch einen grundlegenden Umbau ihres Kinos in die Wege. Die 334 Klappsitze wurden durch 220 rot gepolsterte, bequeme Luxussessel mit viel Beinfreiheit ersetzt. Außerdem wurde eine neue 8,7 mal 4 Meter große Leinwand installiert. Elisabeth Hahnes Sohn Volker beteiligte sich maßgeblich an der durch die Stadt geförderten Neugestaltung des Kinos und sorgte mit dafür, dass das Ambiente der fünfziger Jahre erhalten blieb. Der silbergraue Vorhang, Ornamente an den Decken, die rote Samtbespannung an den Wänden und nostalgische Lampen erinnern an die großen Kinopaläste vergangener Zeiten. Das Kino firmiert seitdem als „Neue Schauburg“.

Regelmäßige Auszeichnungen

Die „Neue Schauburg“ erhält seit 1998 regelmäßig den Jahresfilmprogrammpreis der „Nordmedia“-Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen. Im Jahr 2008 ehrte die Stadt Elisabeth Hahne posthum mit einem eigenen Straßennamen, der „Elisabeth-Hahne-Straße“ in Hülptingsen. Die Neue Schauburg stellte 2011 im Jahr ihres 80-jährigen Bestehens auf digitale Abspieltechnik um. Bis Ende 2015 leitete Elisabeth Hahnes Tochter Heidrun Lindemann das Kino.
Dabei unterstützten sie ihr Ehemann Barthold und Sohn Christian. Dieser übernahm am 1. Januar 2016 die alleinige Leitung des Kinos. Neben dem regulären Filmprogramm lädt die „Neue Schauburg“ zu Sondervorstellungen in Zusammenarbeit mit Schulen, Amnesty International oder Scena – Kulturverein im VVV ein. Lesungen mit bekannten Autoren, Stummfilmmatineen und spezielle Dokumentationen komplettieren das Filmangebot