Zwei legendäre Bundespolitiker treffen zu einer Stadtvisite ein

Sozialdemokrat Willy Brandt fährt im offenen Mercedes durch die Straßen der Auestadt. (Foto: SMB)
 
Bundeskanzler Konrad Adenauer trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Burgdorf ein. (Foto: SMB)

Burgdorf schreibt Geschichte/Politprominenz aus Bonn und Berlin

BURGDORF (r/jk). In ihrer elften Folge widmet sich die Serie „Burgdorf schreibt Geschichte“ zwei berühmten Burgdorfer Gästen, die mit ihrem langjährigen politischen Wirken nachhaltig die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland beeinflusst haben. Mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt statteten der Auestadt zwei hochkarätige Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte einen erinnerungswürdigen Besuch ab.
„Der eiserne Kanzler“
Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer (* 5. Januar 1876 in Köln, † 19. April 1967 in Rhöndorf bei Bonn) traf am 11. August 1957 während einer Wahlkampftour zu einer Burgdorfer Stadtvisite ein. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich der für seine eiserne Disziplin bekannte Politiker im Zenit seiner langen Karriere. Diese begann bereits 1917 mit seiner Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Köln. 1933 drängten ihn die Nazis aus dem Amt. Es war den neuen Machthabern nicht gelungen, dem prinzipientreuen Politiker ihren Willen auf-zuzwingen. Bis zum Ende der Nazidiktatur enthielt sich Adenauer jeder weiteren öffentlichen Betätigung.
Politischer Neubeginn
Erst im September 1945 setzte er seine politischen Ambitionen fort und war Gründungsmitglied der Christlich-Demokratischen Partei im Rheinland (CDP) und seit dem 22. Januar 1946 1. Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union (CDU) in der Britischen Zone. Am 15. September 1949 wurde er zum ersten Bundeskanzler der neuen Bundesrepublik Deutschland gewählt und übte dieses zweithöchste Staatsamt bis zum 15. Oktober 1963 aus. Adenauers Amtszeit prägt der rasante Aufschwung des bundesdeutschen Wirtschaftslebens (das sogenannte Wirtschaftswunder), die seinem nachdrücklichen Einsatz zu verdankende Rückkehr der osteuropäischen Kriegsgefangenen, die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Besuch der katholischen Messe
Der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Burgdorfer Superintendent Adolf Cillien empfing Adenauer in der Auestadt und begleitete ihn zum Besuch der Messe in der St. Nikolaus-Kirche am Langen Mühlenfeld. Anschließend hielt der Bundeskanzler im angrenzenden Stadion eine Rede vor den Heimatvertriebenen aus dem ehemaligen ostpreußischen Kreis Heiligenbeil. Sie hatten sich an diesem Wochenende zu ihrem Bundestreffen in der Patenstadt Burgdorf versammelt. Bei der folgenden Führung durch das Rathaus in der Marktstraße bat ihn Bürgermeister Wilhelm Scherpeltz, sich in das „Goldene Buch“ der Stadt einzutragen. Mit einem höflichen Lächeln kam der Bundeskanzler dieser Bitte nach und verewigte sich mit seiner markanten Unterschrift im städtischen Gästebuch.
Zum Abschluss seines Besuches besichtigte der Kanzler die St. Pankratius-Kirche, an der gerade umfassende Renovierungsarbeiten stattfanden, und spendete für ihre Erneuerung 1.000 Mark.
Prominenter Gast aus Berlin
Der SPD-Politiker Willy Brandt (* 18. Dezember 1913 in Lübeck, Geburtsname: Herbert Ernst Karl Frahm, † 8. Oktober 1992 in Unkel bei Bonn), der bereits 1930 in die Partei eintrat, lebte von 1933 bis 1947 im politischen Exil in Norwegen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat begann seine politische Karriere in der neuen Bundesrepublik als Mitglied des Deutschen Bundestages. In seiner Eigenschaft als Präsident des Berliner Abgeordneten-hauses folgte er im August 1957 einer Einladung der Burgdorfer SPD und deren Bundestagsabgeordneter Lisa Korspeter. In diesem Jahr wählte ihn das Abgeordnetenhaus auch zum Regierenden Bürgermeister von Berlin. Höhepunkt seiner Burgdorfer Stadtvisite war sein Auftritt als Hauptredner bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im überfüllten Stadionsaal. Zweite Stadtvisite
In seiner neunjährigen Amtzeit als Berliner Bürgermeister (1957-1966) besuchte er am 30. Juni 1961 erneut die Auestadt. Ihn begleitete der Niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf. Zuerst besichtigte er die Burgdorfer Konservenfabrik, die in dieser Zeit zu den erfolgreichsten städtischen Wirtschaftsunternehmen gehörte. Bei einem Empfang im Ratssaal trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Im Anschluss daran hielt er auf der Treppe des Rathauses ein flammendes Plädoyer für die Einheit und Freiheit des deutschen Volks. Dessen Wiedervereinigung gelte es niemals aus den Augen zu verlieren. Begeisterter Applaus folgte diesem bewegenden Ereignis, das bis heute unter den älteren Einwohnern unvergessen ist. Brandts spätere Amtszeit als Bundeskanzler (1969 bis 1974) prägte seine neue Ostpolitik der gegenseitigen Annäherung. Dafür erhielt er am 10. November 1971 den Friedensnobelpreis.