Zwei Chöre und sechs Solisten

Am Sonntag führt die Burgdorfer Kantorei die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf.
 
Über ein Jahr haben die Sängerinnen und Sänger für das Konzert geprobt.

Die Burgdorfer Kantorei führt am Sonntag die dreistündige Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf / Über ein Jahr lang hat das Ensemble dafür geprobt

BURGDORF (fh). Dass die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach ein Meilenstein der Musikgeschichte ist, stand für Kantor Martin Burzeya ohnehin fest. Aber sein persönliches Verhältnis zu diesem opulenten Werk sei bisher eher distanziert gewesen. "Das hat sich aber vollständig geändert, seit wir im Januar 2019 mit den Proben begonnen haben. Mittlerweile liegt es mir sehr am Herzen", sagt er. Und nun rückt für ihn und sein Ensemble der große Moment näher, auf den sie über ein Jahr lang hingearbeitet haben: Am Sonntag, 15. März, führen sie das Stück ab 16 Uhr in der St.-Pankratius-Kirche, Spittaplatz 1, auf.
An dem Konzert wirken auch das Göttinger Barockorchester, ein Projektchor der Singschule CampusMusik und sechs Solisten mit. Burzeya sieht darin gewissermaßen die Krönung einer langen Aufführungspraxis: Denn Bach sei schon seit vielen Jahren das Steckenpferd der Burgdorfer Kantorei. "Sowohl emotional als auch vom Gesang her ist das Ensemble sehr empfänglich für seine Musik", betont der Kantor. Außerdem bringe die Akustik der St.-Pankratius-Kirche Bachs Werke besonders gut zur Geltung. Die meisten seiner Stücke habe man deshalb im Laufe der Jahre bereits aufgeführt. "Außer der Matthäus-Passion war eigentlich nicht mehr viel übrig", sagt Burzeya mit einem Schmunzeln.
Und das kommt nicht von ungefähr: Denn um sie aufzuführen, brauche ein Ensemble schon einige Erfahrung mit Bach, ist der Kantor überzeugt. "Das lässt sich auch an seiner Biographie ablesen. Er hat dieses Werk nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern greift darin im Prinzip alles auf, was er vorher schon mal gemacht hat", erläutert er. Der Komponist werfe dabei all seine Erfahrung in die Waagschale und die musikalische Sprache, Stilmittel und Instrumentation seien bereits sehr ausgereift.
Und was macht für den Kantor selbst den Reiz der Matthäus-Passion aus? "Vor allem die vielschichtigen Verbindungen zwischen Musik und Text, die sich mir im Laufe der Proben immer mehr erschlossen haben", sagt Burzeya. Außerdem habe Bach das Werk nicht nur musikalisch, sondern auch dramaturgisch meisterhaft ausgearbeitet. "Es ist unheimlich lebendig und interessant und wirkt an einigen Stellen fast opernhaft", so der Kantor.
Dabei seien die einzelnen Gesänge technisch gar nicht unbedingt schwieriger als andere Werke von Bach, findet Burzeya. Die Herausforderung sei es vor allem, bei dem dreistündigen Werk mit seiner Vielzahl von Chorälen und Chorstücken den Überblick zu behalten. Außerdem setzt Bach in dem Stück einen Doppelchor mit insgesamt acht Stimmen ein. "Wir mussten die Proben deshalb diesmal besonders gut planen, damit für niemanden zu lange Wartezeiten entstehen", so Burzeya. Hinzu kämen einige sehr lange und schwierige Abschnitte.
Zusätzlich zu den intensiven Proben haben sich die Sänger der Kantorei im Laufe des vergangenen Jahres in zwei Fachvorträgen und vielen Gesprächen auch mit der Rezeptionsgeschichte und dem problematischen Vermächtnis der Matthäus-Passion auseinandergesetzt. Denn Bach hat dieses Werk in einer Zeit geschaffen, in der die christliche Theologie vielfach von Judenfeindlichkeit geprägt war. Und das schlägt sich auch in einigen Passagen des Werkes nieder - oder wurde zumindest jahrhundertelang so interpretiert und auch von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt.
Besonders problematisch sind in dieser Hinsicht die sogenannten Turba-Chöre - sie verkörpern das aufgebrachte Volk, das von Pontius Pilatus fordert, Jesus zu kreuzigen und hetzt: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Theologen setzten diese wütende Menschenmenge lange Zeit mit den Juden gleich, die sich durch diesen sogenannten "Blutruf" selbst verflucht hätten. "Diese Vorgeschichte macht es uns schwer, die streitenden Turba-Chöre, mit voller Überzeugung zu singen", sagt Burzeya und fügt hinzu: "Unreflektiert kann man die Matthäus-Passion heute nicht mehr aufführen."
Doch zum Glück habe sich die Lesart der Passionsgeschichte und auch die Interpretation von Bachs Werk gewandelt. "Auch durch viele Impulse aus dem christlich-jüdischen Dialog verstehen wir diese Stellen heute ganz anders", so der Kantor. Sie würden nicht mehr als Schuldzuweisung an die Juden gedeutet. "Für mich sind wir als Aufführende und auch als Zuhörer selbst Teil dieser aufgebrachten Menge", betont Burzeya und erläutert: "Darin spiegelt sich wider, wie wir uns vielleicht auch schon einmal in Rage geredet, uns in eine Situation hineingesteigert und uns vielleicht auch an jemandem schuldig gemacht haben." Auch im Programmheft greift er dieses Thema auf.
Karten gibt es für 10 bis 25 Euro im Vorverkauf bei Benefizz (Hannoversche Neustadt) und Wegeners Buchhandlung (Marktstraße) sowie an der Tageskasse ab 15.15 Uhr.